»Hinter den Spiegeln: Schmutzwäsche

Sendung vom 21. März 2005
 

Inhaltsübersicht

 

Jingle »Alltag und Geschichte«

»Hinter den Spiegeln« – eine Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt von Niko Martin und Katharina Mann.
Sie empfangen uns über Antenne in Darmstadt auf 103,4 MHz, im Kabel Darmstadt auf 99,85 MHz und im Kabel Groß Gerau und Weiterstadt auf 97,0 MHz.

Ein Gedanke, zwischen zwei parallel ausgerichtete Spiegel gestellt, scheint sich ins Unendliche zu vervielfachen.
Zwischen unsere Spiegel stellen wir ganz unterschiedliche Gedanken: über dies und das, Kunst und Literatur oder über das alltägliche Leben …
Immer wieder geht es darum, wie schräg und verrückt unsere Gedanken und Vorstellungen sind – geworden sind – weil wir in einer so verrückten Gesellschaft leben.

Hören Sie, was wir sehen, wenn wir in die Spiegel schauen. – Und vor allem: Was ist eigentlich hinter den Spiegeln?

Heute steht zwischen unsern Spiegeln: Schmutzwäsche. Neinnein, nicht die Tante, die alle Waschmaschinen kannte …
Sondern Schmutzwäsche.
Das, was Familien, Betriebe oder Vereine überhaupt nicht schätzen: Wenn Interna nach außen getragen werden, wenn an der Fassade gekratzt wird und dann zu sehen ist, dass im Inneren so manches im Argen liegt.

Es geht um Interna aus unserem Radioverein RadaR eV.

Nun kann man oder frau sich natürlich fragen, wozu es gut sein soll, Interna nach außen zu tragen? Ein bisschen Misstrauen gegenüber der eigenen Motivation ist sicherlich angebracht. Gerade und erst recht, wenn es sich um einen Medienbetrieb handelt wie bei RadaR eV, wenn man und frau davon ausgehen kann, dass wir wissen, wie Medien und Öffentlichkeit funktionieren, dass wir wissen, in welcher Machtposition steht, wer öffentlich das Wort ergreift – öffentlich das Wort ergreifen kann.
Dient dieses Öffentlich-Machen von Interna möglicherweise dazu, einen Kollegen schlecht zu machen, mit dem man oder frau sich nicht persönlich auseinandersetzen mag? Oder dient das Öffentlich-Machen dazu, sich Rückenstärkung zu holen in einer vereinsinternen Diskussion, in der man oder frau sich nicht richtig durchsetzen kann, scheinbar auf verlorenem Posten steht?

Wenn das die Motive sind, dann wäre es besser, den Mund zu halten und nach Mitteln und Wegen zu suchen, die Diskussion intern auszutragen.
Und wenn sich die Diskussion intern nicht führen lässt – wir wissen ja: diejenigen, mit denen mensch einfach nicht diskutieren kann, sind grundsätzlich immer die anderen … – dann wird sich die Diskussion auch nicht über die Öffentlichkeit führen lassen.
Wo liegt also – außer der Lust am Skandal – das öffentliche Interesse an einer internen Diskussion?

Es handelt sich bei unserer schmutzigen Wäsche nicht um eine radiospezifische Diskussion, sondern es ist ein ganz alltägliches Thema, das uns überall begegnen könnte: Auf Arbeit, in der Schule, im Fitnessstudio oder in der Kneipe.
Das interessante an unserem Radioverein ist, dass RadaR eV sich zwar eine sehr fortschrittliche und emanzipative Verfassung gegeben hat – ganz im Bewusstsein der Verantwortung, in der wir als Medienschaffende alle stehen; aber das heißt noch längst nicht, dass intern bei uns alles nach diesen fortschrittlichen und emanzipativen Grundsätzen diskutiert und verhandelt wird.
Nur weil wir so schöne Dinge in unserer Satzung und Redaktionsstatuten stehen haben, sind diejenigen, die bei uns Sendungen gestalten, noch lange nicht »der neue Mensch«.

Die schönen Worte in Satzung und Redaktionsstatuten sind das eine. Das andere ist das Prinzip der Zugangsoffenheit. Das heißt, grundsätzlich darf jeder und jede bei uns senden. Alle haben bei uns etwas zu sagen, auch diejenigen, deren Stimme sonst nicht gehört wird. Das hat durchaus etwas Emanzipatives.
In der Summe geben diese vielen einzelnen Stimmen und persönlichen Meinungen eine große Meinungsvielfalt, aus denen sich ein differenziertes und umfassendes Bild zusammensetzen kann von der Welt, in der wir leben.

Doch wo sind die Grenzen? Klar: Volksverhetzende Parolen haben bei uns keinen Platz; wir wollen keine rassistischen und sexistischen Inhalte. Und unsere Beiträge dürfen nicht die Würde anderer Menschen herabsetzen – wie in allen anderen Medien auch.

Ist das so klar? Lassen sich die Grenzen so klar ziehen? Sind wir uns alle einig darüber, was entwürdigend ist? Können wir das überhaupt sein? Ist »Würde« nicht etwas sehr persönlich Empfundenes?
Was ist sexistisch oder rassistisch? Wann ist ein Beitrag »nur ungeschickt formuliert« und wann geht er wirklich und tatsächlich zu weit? Können wir eine solche Unterscheidung überhaupt treffen? Dürfen wir uns »ungeschicktes Formulieren« erlauben oder verpflichtet uns nicht unsere Verantwortung als Medienschaffende, jedes, aber auch wirklich jedes Wort auf die Goldwaage zu legen? Haben wir einen Bonus als Radio, das von Laiinnen und Laien gemacht wird? Oder stehen wir hier in der gleichen Verantwortung wie alle anderen auch?

Gibt es Grenzen? Und wer legt sie fest?
Oder stehen wir nicht viel eher in der Verantwortung, uns ständig der Diskussion und der kritischen Auseinandersetzung zu stellen, um so unseren Weg zu finden im Bilden und Formulieren unserer Ansichten.
 

Ausschnitt aus dem Titelbild

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Musik: Stereo Total – Ich bin nackt

Zwischen den Spiegeln unserer Sendung steht heute Schmutzwäsche. Wir haben versucht, herauszuarbeiten, worin das öffentliche Interesse besteht, sich mit unserer schmutzigen Wäsche zu befassen.

Das öffentliche Interesse an internen Diskussionen unseres Radiovereins besteht darin, dass hier Vieles ganz besonders deutlich erkennbar ist.
Die Sendenden bei Radio Darmstadt stehen in einer Position, die wirkt wie ein Prisma: Auf der einen Seite stehen die Sendenden selber, Menschen wie du und ich, aus der Mitte oder mehr vom Rand der Gesellschaft; mit ihren ganz persönlichen Erfahrungen und ihren daraus gewachsenen Ansichten. Auf der anderen Seite stehen unsere inhaltlichen Ansprüche als alternatives und emanzipatorisches Medienprojekt.
An diesen Ansprüchen brechen sich unsere persönlichen Ansichten wie das Licht in einem Prisma. Schön in Regenbogenfarben geordnet, liegt vor uns, wie sich Meinung bildet. Bei jeder und jedem Einzelnen von uns. Und vielleicht bei unseren Hörerinnen und Hörern auch.

Wenn wir mit unserem Berg von schmutziger Wäsche an die Öffentlichkeit treten, müssen wir uns bewusst sein, wie Schmutzwäsche funktioniert.

Wir müssen uns der Frage stellen, mit welcher Absicht Menschen interne Diskussionen nach außen tragen – also auch wir.
Und wir müssen uns andererseits darüber klar sein, wie die Metapher des »Schmutzige Wäsche Waschens« funktioniert als ein Vorwurf, fast schon eine Beschuldigung. Letztlich ist der Vorwurf des Schmutzwäsche Waschens ein Mittel, ungeliebte Meinungsäußerung zu verhindern oder doch zumindest in ihrer Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen, also Zensur.

Unsere eigene Motivation haben wir dargelegt. Wir halten sie für lauter. Es geht um das Thema Rassismus in seiner ganz alltäglichen Verbreitung und Verwendung. Was hier bei RadaR eV aufbricht, ist wahrscheinlich ganz ähnlich auch anderswo zu finden.

Aber auch wir leben nicht im gesellschaftlichen Nirgendwo. Wir müssen damit rechnen, dass sich in unsere persönliche Motivation zum Schmutzwäsche Waschen immer auch so ein kleiner Faktor »Machtspiel« mit hineinmischt. Öffentlichkeit als überlegt eingesetzter Faktor zum Anstacheln einer internen Diskussion.

Und natürlich ist es verlockend, den Finger in die Wunde zu legen, laut und deutlich zu sagen, wie Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen, und auf kindliche Art unseren Kolleginnen und Kollegen vorzuhalten: »Das dürft ihr aber nicht, in der Satzung steht nämlich …«

Das Bedürfnis, so zu argumentieren ist vielleicht nachvollziehbar und verständlich. Es ist sicherlich auch hochmoralisch.
Aber es führt uns nicht weiter.

Vielleicht genügt es nicht, nach den besten moralischen Grundsätzen zu handeln und Gerechtigkeit zu fordern. Vielleicht muss, wer Freiheit, Gleichheit und Schwesterlichkeit will, immer einen Schritt voraus sein und eine andere Art des Miteinander-Umgehens schon einüben, egal, wie andere ihre Auseinandersetzungen führen – oder eben auch nicht führen.

Der Vorwurf, dass wir schmutzige Wäsche waschen, sollte uns also nicht schrecken.
Es geht uns nicht darum, Kollegenschelte zu betreiben. Wir wollen den Grenzbereich ausloten zwischen »vielleicht nur ungeschickt formuliert« und »einfach rassistisch«.

Musik: Stereo Total – Les Lapins

Ende Dezember lief auf unserem Radio ein Beitrag mit rassistischem Unterton.
Für uns ein klarer Verstoß gegen Satzung und Redaktionsstatut. – Wirklich so klar?

Schöne Worte sind zu lesen in unserer Vereinssatzung und im Redaktionsstatut von Radio Darmstadt: Kulturelle Vielfalt und Meinungsvielfalt ist zu gewährleisten, allen Schichten der Bevölkerung soll der Zugang zum Radio ermöglicht werden und überhaupt soll mit den Beiträgen auf Radio Darmstadt das Zusammenleben der Allgemeinheit gefördert werden – insbesondere unter anderem auf den Gebieten der gewaltfreien Konfliktbearbeitung oder der Völkerverständigung und der Verständigung unter den Menschen, unabhängig von ihrer Hautfarbe oder ihrer Zugehörigkeit zu ethnischen Gruppen.

Der genannte Beitrag ist sicherlich nicht der einzige Beitrag mit rassistischem Unterton in den letzten Jahren.
Aber er wurde gesendet an herausgehobener Stelle im Programm. Das verleiht dem Beitrag und seiner rassistischen Botschaft Gewicht.

Es geht hier nicht darum, einen einzelnen Kollegen als »rassistisch« bloßzustellen. Das hat er im Prinzip schon selber getan, indem er den Beitrag gesendet hat.
Es geht um eine exemplarische Aufarbeitung.

Der Beitrag wurde »beanstandet«. Ganz offiziell, vom sendeverantwortlichen Vorstandsmitglied.

Bevor wir uns jetzt mit den Reaktionen auf diese Beanstandung befassen, ist es vielleicht ganz sinnvoll zu wissen, worum es im fraglichen Beitrag überhaupt ging.

Unter dem Titel »gesellschaftlicher Konsens für alle« forderte der Kollege eine Diskussion ein über Normen und Werte, die für alle gelten sollen, die in Deutschland leben. Zwischen den Zeilen war aber zu hören und zu lesen, dass manche noch ein bisschen gleicher sind, das heißt: sich noch ein bisschen gleicher zu verhalten haben.
Konkret: Wer von außen kommt, also Migrantinnen und Migranten, den oder die will unser Kollege verpflichten, sich aktiv für die gesellschaftlichen Werte und Normen einzusetzen. Ein persönlicher Einsatz, den der Kollege von den hiesigen Eingeborenen nicht fordert.

»Wir brauchen«, meint der Kollege, »keine Diskussion über den Islam, das Kopftuch oder Parallelgesellschaften. Wir brauchen eine Diskussion über unseren gesellschaftlichen Konsens.«
Tatsächlich lässt der Kollege eine Diskussion über einen – möglichen? – gesellschaftlichen Konsens nicht zu.

Statt dessen diskutiert er munter über den Islam. Das heißt: er diskutiert nicht, denn für ihn ist klar, dass der Islam für »andere Werte als die unseren« steht. Ebenso übrigens, wie »erzkatholische Nonnen«. So jemandem ist seiner Ansicht nach nicht zuzutrauen, Kinder zu unterrichten.

Wer sind eigentlich »wir« und was sind »unsere Werte«? Wer oder was ist eine »erzkatholische Nonne«? Reicht es, Nonne zu sein und katholisch und vielleicht noch, Ordenstracht zu tragen? Oder muss noch etwas anderes dazu kommen, eine »erzige Gesinnung«? Wie ist das festzustellen? Und wie können wir eine »erzkatholische« Nonne unterscheiden von einer »normalen« Nonne, die vielleicht einfach nur katholisch ist?

»Katholisch« heißt übrigens »allgemein, die Erde umfassend«. Ein Anspruch, den die katholische Kirche über Jahrhunderte aufrecht erhalten hat. Inzwischen haben sich viele Katholikinnen und Katholiken von diesem Anspruch etwas frei gemacht. Aber das ist eine andere Diskussion …
Oder doch nicht? Dieser ehemalige katholische Absolutheitsanspruch ähnelt doch verblüffend dem Anspruch unseres Kollegen, den gesellschaftlichen Grundkonsens definieren zu wollen.

Und selbstverständlich diskutiert der Kollege über »das Kopftuch«. Das heißt, er diskutiert nicht.
So richtig darüber klar ist er sich aber auch nicht, wie er zum Kopftuch stehen will. Außer, dass er es natürlich ablehnt, dass Frauen ein Kopftuch tragen als Teil ihrer persönlichen Religionsausübung. – Wahrscheinlich findet er es auch nicht gut, wenn Leute sich ein Kreuz umhängen, das sollten wir der Fairness halber schon sagen.
Einmal ist für ihn das Kopftuch ein religiöses Symbol und zeigt damit, dass die Trägerin sich nicht für »unsere gesellschaftlichen Werte« einsetzt. Dann hinwiederum nennt er es einfach nur »Kleiderordnung«, wenn es Menschen untersagt wird, ein Kopftuch zu tragen. – Wie eine Kochmütze, Arbeitsschuhe mit Stahlkappen oder ein Gehörschutz.
Das passt nicht zusammen. Hat aber den Vorteil, dass der Kollege mal so und mal so »argumentieren« kann, wie es ihm eben gerade passt.

Und irgendwie diskutiert der Kollege auch über Parallelgesellschaften, auch wenn das nicht gleich so deutlich wird.
Denn eine Kleiderordnung ist seiner Ansicht nach selbstverständlich legitim, solange Menschen nicht dazu gezwungen werden, einen bestimmten Beruf zu ergreifen.

Sind wir da nicht schon bei Parallelgesellschaften angelangt?
Die Parallelgesellschaft der Banker mit Anzug und Schlips, die Frauen im Kostümchen. Das entsprechend feminin hergerichtete Servicepersonal der Fluggesellschaften oder auf – überwiegend männlich besuchten – Messen?
Oder die Gemeinden mit den gelben, weißen, roten oder sonst irgendwie farbig ausgestalteten Schnürsenkeln …

Nur in der Schule, da soll es das alles nicht geben.
Wenn »an öffentlichen Schulen in öffentlichem Auftrag« Kinder unterrichtet werden, da soll das Lehrpersonal gefälligst neutral auftreten. Was soll das eigentlich sein?
Soviel zum Thema »Kleiderordnung«. Oder »religiöse Symbole«.

Aber es gibt ja noch mehr heiße Themen. Und heftige Vorwürfe.
Ungeheuerlich, so scheint es, dass jetzt so viele Migrantinnen und Migranten in Deutschland leben, dass sie durchkommen können, ohne richtig Deutsch zu lernen.
Deutsch zu lernen, so meint unser Kollege, dürften wir von Migrantinnen und Migranten selbstverständlich verlangen.

Das wäre ja irgendwie vernünftig, wenn alle, die hier leben, eine gleiche Sprache, meinetwegen Deutsch, beherrschen. Auch wenn sie sich mit ihren Freunden vielleicht lieber auf Englisch, Französisch oder in Comic-Sprache unterhalten.
Komisch, dass nach Ablauf der Schulzeit von einem oder einer Deutschen niemand mehr verlangt, er oder sie möge doch bitte Deutsch lernen. Nötig hätten viele deutsche Eingeborene es allemal!

Aber der Kollege setzt noch einen drauf: Erst recht, meint er nämlich, dürften »wir« das verlangen, wenn »wir« die Migrantinnen und Migranten finanzieren.

Nur, tja Pech: Tun »wir« ja gar nicht. Unterm Strich profitieren »wir« deutschen Eingeborenen von den Migrantinnen und Migranten. Seien das nun Flüchtlinge oder Menschen, die als sogenannte »Gastarbeiter« hergekommen sind.
 

Der Beitrag arbeitet mit einer Mischung aus Annahmen und Allgemeinplätzen. Das wird nicht so schnell hinterfragt.
Nicht von den Hörerinnen und Hörern (oder vielleicht hoffentlich doch?) Und leider auch nicht vom Verfasser selber.
Dazu kommt noch eine reichliche Handvoll Polemik. Immer schön so zugespitzt, dass es von denen, die der Kollege da angreift: »Muslimische Frauen und erzkatholische Nonnen« mit großer Wahrscheinlichkeit als entwürdigend wahrgenommen wird.

Formulierungen zuzuspitzen ist ein anerkanntes Mittel, um in der Überspitzung etwas deutlich zu machen, insbesondere um aufzuzeigen, wo Gedanken absurd sind.
Aber ist es nötig, Zuspitzungen so vorzunehmen, dass es nicht nur einzelne, sondern viele entwürdigt und angreift in dem, was ihren persönlichen Glauben ausmacht, ihr moralisches und ethisches Handeln als Person in der Gesellschaft?

Musik: Stereo Total – Orange Mécanique

Zwischen unseren Spiegeln heute steht ein Waschkorb voller schmutziger Wäsche bei RadaR. Ein Beitrag vom Ende letzten Jahres wurde vom programmverantwortlichen Vorstandsmitglied als rassistisch beanstandet.

Wenn ein Beitrag beanstandet wird, dann ist das eine deutliche Form der Kritik. Eine formale Beanstandung ist auch ein Hinweis auf eine entsprechend weitgehende Überbeanspruchung der journalistischen und redaktionellen Freiheiten.
Wäre es eine »Kleinigkeit« gewesen, ein »lässliches Vergehen« sozusagen, dann wäre doch sicherlich erst einmal ein Hinweis gekommen, an den Kollegen persönlich gerichtet, um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass der Beitrag zu weit gegangen ist.

Interessant sind nun die Reaktionen auf die Beanstandung: Nicht nur die Reaktion des Kollegen, der den Beitrag gesendet hat – mindestens ebenso interessant sind auch die Reaktionen und Nicht-Reaktionen unter den sendenden Vereinsmitgliedern.

Interessant ist schon mal, dass sich niemand beschwert hat, dass es keinen persönlichen Hinweis gegeben hat an den Kollegen, der den Beitrag gesendet hat, sondern dass gleich der formale Weg eingeschlagen wurde. Wo das doch sonst als erstes kommt. Marke: Die Kritik ist ja schon okay, vielleicht auch berechtigt. Aber man hätte doch bitte erst mal mit dem Kollegen das Gespräch suchen können …

Fast als ob die Kritik von allen geteilt würde, als ob die einhellige Meinung wäre, dass dieser Beitrag nun wirklich zu weit geht, dass solch ein rassistischer Beitrag im SonntagMorgenMagazin geschrieben werden kann, aber auf unserem Sender nun wirklich nichts zu suchen hat. Schließlich haben wir Satzung und Redaktionsstatut!

Schön wäre das. Dann hätten wir eine konstruktive Diskussion führen können darüber, wie solche rassistische Beiträge in Zukunft vermieden werden können. Darum geht es doch eigentlich!

Aber so war es leider nicht.

Als der Beitrag diskutiert werden sollte, hatten die meisten den Beitrag gar nicht gehört. Und sich auch nicht die Mühe gemacht, die Transkription des gesendeten Beitrags einmal durchzulesen. Das wurde auf der Sitzung schnell kurz nachgeholt – Stichwort: diagonal lesen – um dann die Feststellung zu äußern, dass der Beitrag nicht rassistisch sei.

Eine vergleichsweise einfache Übung. Der Beitrag konnte gar nicht rassistisch sein, weil er nicht rassistisch sein durfte.
Ein rassistischer Beitrag würde schließlich unterstellen, dass der Verfasser auch rassistisch ist. Und das wissen schließlich im Radio alle, dass der Verfasser ganz bestimmt nicht rassistisch ist.

Woher eigentlich?

– Nun gut, wir werden hier ein wenig polemisch. Ein wenig sehr, sogar. Aber es wirkt doch wirklich nicht besonders glaubwürdig, wenn Leute über einen Beitrag urteilen, den sie weder gehört noch gelesen haben.

Bewirken sie damit nicht vielleicht sogar das Gegenteil dessen, was sie beabsichtigt haben? Wenn der Beitrag nicht rassistisch ist, dann lässt sich das doch aus dem Text heraus nachweisen. Dann kann mensch ganz leicht sagen: »Kollege programmverantwortliches Vorstandsmitglied: ich glaube, du hörst hier die Flöhe husten! Hier steht nichts drin, was in irgendeiner Form zu beanstanden wäre.«
 

Mal ganz grundsätzlich: Es wurde ein gesendeter Beitrag als »rassistisch« beanstandet. Das heißt nicht zwangsläufig, dass damit auch der Verfasser als »Rassist« bezeichnet wird.

Wer sich schon einmal intensiver mit dem Phänomen des Rassismus beschäftigt hat, der oder die weiß, dass es einen ganz alltäglichen Rassismus gibt; einen Rassismus, der beinahe »von selbst« kommt, ohne dass wir groß drüber nachdenken – das heißt: eigentlich genau dann, wenn wir nicht groß drüber nachdenken.
Rassistische Stereotype, die wir alle im Kopf haben, die wir gelernt haben in unserem bisherigen Leben in einer rassistischen Gesellschaft …
Das heißt, es kann einer oder eine den besten Willen haben, »nichts gegen Ausländer haben« – das reicht eben nicht – und kann trotzdem, fast möchte ich sagen: »aus Versehen«, von einem rassistischen Fettnäpfchen ins nächste hüpfen.

Vielleicht war genau so etwas passiert bei dem beanstandeten Beitrag.
Dann wäre es doch eigentlich eine gute Sache gewesen, diesen »Rassismus aus Versehen« zu behandeln, herauszuarbeiten, wie der Kollege aus gut gemeinten Ansätzen einen schlechten Beitrag formuliert. – Und wie wir alle dieser »Falle« des alltäglichen Rassismus entgehen können.

Es gab auch einen Hinweis auf der Sitzung, dass es tatsächlich so eine Art »Rassismus aus Versehen« gewesen sein könnte.
Ein eifriges Sich-Einsetzen für Religionsfreiheit, die den Kollegen über die Stränge schlagen ließ:
Er erzählte von einer Lehrerin, die er kennt, und die hatte in ihrer Schule wohl eine Situation erlebt, dass muslimische Jungs ein muslimisches Mädchen zwingen wollten, ein Kopftuch zu tragen.
Lässt man oder frau die Jungs gewähren, würde die »Religionsfreiheit« der muslimischen Jungs sicherlich überbeansprucht: Auf Kosten der Religionsfreiheit des muslimischen Mädchens.

Aber da haben wir es doch schon! Diese vermeintliche Toleranz den Andersdenkenden, Andersgläubigen gegenüber ist keine Freiheit, sondern die Billigung von Gewalt gegenüber dem Mädchen.
Natürlich muss jeder aufrechte Mensch, jede aufrechte Frau, hier eingreifen.

Das ist manchmal gar nicht so einfach. Wir sind ja alle so multikulti und ach-so-tolerant.
Vielleicht weiß der Kollege, wie schwierig es ist, sich in einer solchen Situation zu behaupten.

Vielleicht ist es wirklich nur gut gemeint, wenn er einer muslimischen Lehrerin dieses aufrechte Verhalten nicht zutraut – die vielleicht dazuhin auch noch selber Kopftuch trägt.
Vielleicht steckt auch eine Portion Realismus und Erfahrung dahinter, wenn er es einer muslimischen Lehrerin nicht zutraut, sich für die Religionsfreiheit des Mädchens einzusetzen.

Unmöglich ist das alles deswegen aber nicht.

Und davon auszugehen, dass die muslimische Lehrerin die geforderte Zivilcourage nicht bringt, nur weil sie dem Islam angehört – das ist in der Tat rassistisch.

Wir können die Situation auch umdrehen. Stellen wir uns doch einmal eine muslimische Lehrerin vor, die selber Kopftuch trägt, und die damit konfrontiert ist, dass muslimische Jungs ein Mädchen in der Klasse zwingen wollen, Kopftuch zu tragen.
Stellen wir uns vor, die Lehrerin greift ganz souverän ein und sagt: »Kein Mädchen darf gezwungen werden, Kopftuch zu tragen« – kann sie ja tun – um wie viel stärker wäre die Zuspitzung dann!

Aber diese kleinen inhaltlichen Diskussionsansätze wurden ganz schnell wieder beiseite gewischt.

Die formulierte Kritik wurde anscheinend gar nicht in ihrer Sache als Kritik wahrgenommen, sondern eher als ein Angriff, gerichtet gegen den kritisierten Kollegen.

Es ging aber um sachliche Kritik, darum, wie solche rassistischen Beiträge bei Radio Darmstadt vermieden werden können.

Das Vorstandsmitglied, das den Beitrag beanstandet hat, hat explizit formuliert, dass es nicht darum gehen sollte, den Kollegen zu bestrafen.
Trotzdem wurde die ganze Diskussion so geführt, als ob es darum ginge, eine Strafe für den Kollegen festzulegen – oder eben eine geforderte Strafe von ihm abzuwenden.

Deutlich hob sich dabei die Aussage einer Kollegin ab, die Sendungen in einer nichtdeutschen Muttersprache gestaltet. Sie äußerte sich so, dass sie den Kollegen ja kenne und wisse, dass er den Beitrag nicht rassistisch gemeint haben könnte.

Weiß sie wirklich, was der Kollege denkt und meint? Und, wenn ja, schreibt das seinen Beitrag um? Hat er durch seine »richtige Gesinnung« auf einmal und im Nachhinein andere Worte anders zusammengesetzt, andere Beispiele gewählt, die nicht entwürdigend sind?

Fast schon lustig wurde es, als der Verfasser des rassistischen Beitrags formulierte, dass er ja schließlich schon genügend bestraft sei damit, dass er hier seine Zeit mit Diskussionen verplempern müsse.
 

Es kam so, wie es fast schon kommen musste: Das zuständige Gremium hat keine Strafe beschlossen – die war ja auch nicht beantragt – sondern es wurde beschlossen, dass der beanstandete Beitrag nicht rassistisch war.
Genau das kann kein Gremium dieser Welt beschließen. Es hätte allenfalls mehrheitlich festgehalten werden können, dass die Mehrheit den Beitrag nicht als rassistisch empfindet. Das würde am Beitrag auch nichts ändern, wäre aber wenigstens so etwas wie »ehrlich«.

Schade, dass der Kollege so wenig bereit war, seinen eigenen Beitrag zu hinterfragen. Eigentlich hätte er sich doch nichts vergeben, wenn er in seiner nächsten Sendung formuliert hätte, dass er einen Beitrag gesendet hat, der als rassistisch empfunden werden konnte. Und dass er das selbstverständlich so nicht gemeint hat und dass es ihm leid tut, wenn er da so falsch verstanden worden ist …
Dass er eine solche »Richtigstellung« nicht bringt, kann auch dahingehend interpretiert werden, dass er seinen Beitrag genauso gemeint hat, wie er ihn gesendet hat. Also rassistisch.

Ebenso schade, dass im Verein die Chance vertan wurde, sich auseinanderzusetzen mit unserem eigenen, ganz alltäglichen Rassismus.

Und außerdem schade, dass wir uns nicht noch einmal genauer befasst haben mit dem Gedanken eines gesellschaftlichen Grundkonsenses, den alle mittragen sollen, die in der Gesellschaft leben.
Diese Forderung hat der Kollege aufgestellt. Aber er hat sich nicht besonders mit der Frage auseinandergesetzt, wer diesen »gesellschaftlichen Konsens« definiert.

Von einer Minderheit dürften wir uns einen gesellschaftlichen Konsens jedenfalls nicht diktieren lassen.

Lässt sich die Frage wirklich an Mehrheitsverhältnissen festmachen?

Oder geht es nicht eher darum, wie wir alle in der Gesellschaft miteinander umgehen?

Wenn wir es ganz genau nehmen – das funktioniert natürlich in großen und offenen Gruppen nur bedingt – dann müssen wir unsere Normen und Regeln mit jedem neuen Mitglied unserer Gruppe aufs Neue diskutieren, nur so kann sich ein Konsens ergeben, der wirklich Konsens ist: Das heißt, der von allen getragen wird.

Jingle »Alltag und Geschichte«

Sie hörten »Hinter den Spiegeln« – eine Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt von Niko Martin und Katharina Mann.
Zwischen unseren Spiegeln heute stand ein großer Berg schmutziger Wäsche.
Auch wenn es als nicht fein gilt, interne Auseinandersetzungen nach außen zu tragen – wir fanden den alltäglichen und vielleicht gedankenlosen Rassismus in unserem eigenen Verein wichtig genug, uns öffentlich damit auseinanderzusetzen.

 

Eingestellt am 22. März 2005.
 

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Ausschnitt aus dem Titelbild