Sendemanuskript – Darmstädter Hintergrund zum Medienpreis »Saure Gurke 2002«

Die Medienfrauen der öffentlich-rechtlichen Sender haben auch im Jahr 2002 auf ihrem Herbsttreffen wieder den Anti-Preis »Saure Gurke« verliehen. Gewinner ist der Bayrische Rundfunk, allerdings hat die Chose einen Bezug nach Darmstadt, denn in der belobhudelten Sendung war der Darmstädter Autor Paul-Hermann Gruner zu Gast.

Für Katharina Mann war das ein Anlass, noch einmal darüber nachzudenken, welche Art Reaktion auf sexistische Artikel und Bücher denn Sinn machen. Der Beitrag wurde ausgestrahlt in der Sendung »Medialine« am 27. November 2002.

 

Dem Beitrag voran ging ein Bericht von Manfred Huck, Radio Frei in Erfurt, der in seinem »Medienflash« über die Verleihung des Medienpreises berichtete.

Die letzten Beitragsworte lauteten: »… Gegenfragen oder Kritik finden nicht statt.«

Anmoderation Norbert Büchner:
Und damit sind wir wieder in Darmstadt. In der preisgekrönten Sendung wurde ein Buch vorgestellt, das stammt von einem Darmstädter: Paul-Hermann Gruner.

Wenn er nicht gerade anti-feministische Bücher schreibt oder in entsprechenden Sendungen des Bayrischen Rundfunks auftritt, schreibt er fürs »Darmstädter Echo«.

Beitrag Katharina Mann:
Die »Saure Gurke 2002« ging an eine Sendung des Bayrischen Rundfunks, in der ein Buch vorgestellt wurde. Ebenfalls in der Sendung anwesend war der Autor des Buches, Paul-Hermann Gruner, der seine Thesen vorstellen durfte – wahrscheinlich in epischer Breite: Die Jury schreibt ja in ihrer Begründung, dass nur einseitig ausgewählte Experten dazu Stellung bezogen hätten, Gegenfragen oder Kritik habe nicht stattgefunden.

Mittelbar, also indirekt, geht der Preis damit an den Buchautor selbst.

Ebenso mittelbar geht der Medienpreis aber auch ans Darmstädter Echo, denn die haben sich mit der Vorstellung des Buches einen ähnlichen Flop erlaubt wie jetzt der Bayrische Rundfunk.

Am 29. April 2000, kurz vor dem Erscheinungstermin des Buches, erhielt Paul-Hermann Gruner Gelegenheit, an exponierter Stelle die Kernthesen seines Buches vorzustellen: Im Magazin zum Wochenende, gleich auf der ersten Seite. Wer das Echo kennt, weiß, dass hier immer ganzseitig Themen ausführlich behandelt werden, oftmals sind es gesellschaftliche Themen – und oftmals sind es »heiße Eisen« – oder das, was die Verantwortlichen beim Echo dafür halten.

Der Magazin-Artikel fand damals, vor zweieinhalb Jahren, wenig Beachtung in der kritischen Öffentlichkeit. Geärgert hat er sicherlich viele, davon in die Öffentlichkeit gesickert ist nur wenig.

Ärgerlich an dem Magazin-Artikel von Paul-Hermann Gruner ist, dass er jeweils mit der halben Wahrheit argumentiert. Das macht es so unendlich mühsam, ihm zu widersprechen, weil, ein Teil von dem, was er da schreibt, ist ja richtig …
Da schreibt Herr Gruner zum Beispiel:
»Stichwort: Verbrechen. Die verschreckte, arme, alte, selbstverständlich weibliche Person, die ihrer Handtasche beraubt wird, gehört, genau besehen, zur Klientel mit dem geringsten Opfer-Risiko überhaupt. Aber die alte Dame wandert (…) manipulationsstark durch jede Gewaltassoziation. Falsch. In Sachen Gewaltkriminalität sollte man das Opfer immer jung und männlich vor Augen haben. Beispiel: 464 Menschen wurden in einer einzigen Woche des Jahres 1989 in den USA erschossen, erstochen, erwürgt, ertränkt. 84 Prozent der Opfer waren Männer zwischen 15 und 40.«
Auch wenn das nun Zahlen aus einer speziellen Woche sind – und auch wenn die Summe der gewaltsamen Tode in genau dieser Woche vielleicht überdurchschnittlich hoch ist – grundsätzlich stimmt, dass sehr viel häufiger junge Männer Opfer von Gewalttaten werden als alte Frauen.
Nur: Paul-Hermann Gruner verschweigt zweierlei.

Erstens: Das »manipulationsstarke« (wie Herr Gruner das nennt) Bild von der alten Frau, die Opfer eines Handtaschenraubs geworden ist, wird nicht von Feministinnen gepuscht, sondern von Menschen vom Schlage unseres lieben Ordnungs- und Aktivbürgermeisters Horst Knechtel. – Der sicherlich peinlich berührt wäre, wenn er in Gruner’scher Logik als »Feminist« bezeichnet würde.

Zweitens: Paul-Hermann Gruner benennt nicht, wer diese Gewalt-Taten ausgeübt hat. – Es sind meistens Männer. Allermeistens.
Wenn Frauen schon – statistisch gesehen – selten Opfer von Gewalttaten werden, so sind sie noch viel seltener die Täterinnen. Aber bei Paul-Hermann Gruner gibt es nur die schrecklichen Taten und die armen Opfer …

Da es aber in unserer Sprache Sätze ohne Subjekt nicht gibt, werden dann eben die Gewalttaten das Subjekt. Oder etwas subjektähnliches.
Mindestens muss es weiblich sein. Denn männlich ist ja schon das Opfer. – Und wir drehen uns allesamt, gemeinsam mit Paul-Hermann Gruner, in der Schleife des antagonistischen Geschlechterwiderspruchs, in der Gewalt gegen Männer nur von Frauen ausgehen kann, da ja auch gemeinhin angenommen wird, dass Gewalt gegen Frauen von Männern ausgeht … – Logisch, oder?

Anita Kastl vom Frauenbüro Darmstadt hat sich schließlich der Mühe unterzogen, eine Gegenrede zu schreiben. Die wollte das Echo nicht abdrucken und hat die Frauen des Frauenbüros darauf verwiesen, als private Person einen Leserbrief zu schreiben – 30 Zeilen zu jeweils 60 Anschlägen. – Nicht besonders viel Platz, um eine Gegenargumentation auszuformulieren.
[ wir dokumentieren hier den vollständigen Text ]

Und: Es würde den Widerspruch eben in die Sphäre des »Privaten« verbannen. Eine private »Kiste« zwischen Paul-Hermann Gruner, vertreten durch die Medienmacht des Echos, auf der einen Seite und auf der anderen Seite eine einzelne Frau, die zufälligerweise auch beim Frauenbüro erwerbstätig ist – aber nicht eine Entgegegnung des Frauenbüros als einer Institution.
Dazu hatte – verständlicherweise – keine der Frauen vom Frauenbüro Lust.

Die Gegenrede des Frauenbüros wurde schließlich in Kleinauflage veröffentlicht: Als Beilage zum Frauenrundbrief des Frauenbüros, der damals vierteljährlich an frauenspezifische Stellen in Darmstadt und an interessierte Bürgerinnen verschickt wurde.

In der Einleitung zur Gegenrede schreibt das Frauenbüro, dass zunächst keine der Frauen Lust gehabt habe, auf den Artikel von Paul-Hermann Gruner einzugehen. Und dann weiter: »Ganz offenbar gab es keinen Konflikt mit kribbelnder, angenehm-unangenehmer ›Geschlechterspannung‹, keine herausfordernde Aufgabenstellung und kein motivierendes Erkenntnisinteresse, sondern lediglich kollektive Abneigung; unterstützt von knappen, dem Leseerlebnis folgenden Mundgeräuschen, die eine gemeinsame Grenze ausdrückte. Keine Frau im Frauenbüro wusste, womit sie bei diesem unappetitlichen ›Gericht‹ anfangen sollte, das hörbar die Ekelschranke berührte.«

Dieses Gefühl können sicherlich viele nachvollziehen, die sich schon einmal die Mühe gemacht haben, auf eine so verkürzte Argumentation einzugehen, wie das Echo und ihr Autor Paul-Hermann Gruner sie im Fall des angesprochenen Magazin-Artikels geliefert haben.

Dieses Gefühl weist aber auch hin auf die Frage: Wie wollen wir denn umgehen mit der Veröffentlichung von Unsinn?

Totschweigen ist sicherlich eine Strategie. Und im Falle, dass eine über Medienmacht verfügt, vielleicht nicht die Schlechteste …

Dieses Totschweigen hat aber auch dazu geführt, dass Herr Gruner seine unhaltbaren Thesen unwidersprochen in der Öffentlichkeit präsentieren konnte.

Von Vielen werden sie wieder vergessen.

Bei wahrscheinlich ebenso Vielen schlummert dieser Unsinn im Unterbewussten – bis er einmal wieder geweckt wird von einem »Nachschlag« desselben Unsinns – der dann ganz besonders glaubwürdig wirkt, denn davon hat mensch ja schon mal an anderer Stelle was gehört …

Auch wir von Radio Darmstadt haben an dieser Stelle nicht die Rolle von kritischer Öffentlichkeit wahrgenommen, sondern die Sache einfach totgeschwiegen. Warum haben nicht wir die Entgegnung des Frauenbüros veröffentlicht, die das Echo nicht abdrucken wollte?

Ganz herzlich bedanken möchte ich mich bei Manfred Huck von Radio FREI in Erfurt, durch dessen »Medienflash« ich aufmerksam wurde auf die »Saure Gurke«.
Und ich möchte mich bedanken bei den Rundfunkfrauen der öffentlich-rechtlichen Sender für den Anstoß, den sie mit ihrer »Sauren Gurke« gegeben haben: Nämlich, dass ich mich noch einmal auseinander gesetzt habe mit der Frage: »Veröffentlichen von Widerspruch oder Totschweigen?«

Dieser Beitrag wird sicherlich nicht das Letzte sein, was ich sage zu Paul-Hermann Gruner und seinem antifeministischen Unsinn.

Hier bei Radio Darmstadt. Das Echo ist schließlich nicht das einzige Medium in der Stadt.

 

Katharina Mann

 

 

Überarbeitet am 25. Juni 2003.

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