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Stichwort Lebensalter. Handelte es sich um Frauen, die rund ein Zehntel kürzer lebten in der zeitgenössischen Medizin-Gesellschaft der Industrieländer (größte Differenz in unserer Republik: Frau im Westen 79,9 Jahre, Mann im Osten 70,3 Jahre), dann würde dies, hoch zurecht, als Indikator empfunden für das drastische Gerechtigkeitsgefälle zwischen den Geschlechtern. Wer größere Last trägt, wem weniger Selbstbestimmung zukommt, wem es schlechter geht, der beißt früher ins Gras. Ganz schlicht. Nun ist es aber umgekehrt. Und weil es umgekehrt ist, wird es auch nicht zum Thema. Männer können keine Opfer sein. Obwohl sie in Bangladesh länger leben als die Frauen dort. Und obwohl zu Beginn dieses Jahrhunderts die Lebenserwartung von Frauen und Männern in Europa quasi gleichauf lag. Wohin sich also Rollengewinne und -verluste der Geschlechter im 20. Jahrhundert entwickelt haben, lässt sich ablesen. Während die Frau von juristisch-gesetzlichen wie gesellschaftlichen Fesselungen ihrer Selbstbestimmung Stück für Stück befreit wurde, steht der Mann normativ verschnürt da wie eh und je. Während der Frau zunehmend Weiterungen und Ergänzungen der Lebensoptionen ermöglicht wurden, zeigt sich die durchschnittliche Lebenssituation des Mannes zu Beginn des 21. Jahrhunderts nur minimal anders als, sagen wir, 1960. Auch dies ist nicht Ausdruck von Macht, sondern von Machtlosigkeit.

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Paul-Hermann Gruner: »Der Mann als Kulturverlierer«, Darmstädter Echo, Magazin zum Wochenende, 29. April 2000, Zeile 356 – 402

 

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Überarbeitet am 25. Juni 2003