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Stichwort Suizid! Wer den Tod sucht, mag sein Leben nicht, oder? Wer den Tod sucht, mag es zumindest so, wie es ist, nicht länger dulden. Die Beschreibung der Lebenssituation von Frauen durch den Feminismus ließe klar vermuten, dass es sich beim Freitod um eine Domäne weiblicher Schmerz- und Leidensabwehr handelt. Tor der Befreiung aus unterträglichen Lebensumständen. Das Gegenteil ist der Fall. Der Suizid ist eine männliche Domäne. Die Herrscher, Mächtigen und Profiteure im System bringen sich um. Das gegängelte, geknechtete Opfer sieht dazu weniger Veranlassung. Was das zu sagen hat? Den Tod dem Leben vorzuziehen, ist ein Zeichen von Ausweglosigkeit, von Machtlosigkeit. Im Alter zwischen zehn und vierzehn Jahren – Zahlen aus den USA – ist die Selbstmordrate bei männlichen Jugendlichen doppelt so hoch wie bei weiblichen. Zwischen 20 und 24 Jahren – eine Zeit, in der sich der Rollenauftrag beinhart verfestigt – ist die Rate bei Männern sechsmal so hoch. Kurz: In der Zeit, in der über die sicherlich vielfältig vorhandenen Probleme der Mädchen, ihre Identitätssuche, ihre Fragen nach emotionaler, sexueller, bildungs- und statusbezogener Rollenfindung Jugendmagazine vollgeschrieben, Jugendsendungen zugeredet und Tausende von Hilfs- und Beratungsabgeboten aufgebaut werden – bringen sich die jungen Männer um.

Paul-Hermann Gruner: »Der Mann als Kulturverlierer«, Darmstädter Echo, Magazin zum Wochenende, 29. April 2000, Zeile 308 – 355

 

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Überarbeitet am 25. Juni 2003