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Stichwort Militär! Da sind Frauen kundig. Zum Beispiel Susan Brownmiller. Männer führen Krieg erstens gerne, und zweitens, »um weibliche Menschen zu züchtigen, zu demütigen und sich ihrer zu bemächtigen«. Großes Getöse. Aber kein großes Denken. Mal ehrlich: Wenn Sie die Macht haben, dann lassen Sie den Müll aufsammeln und machen es nicht selbst. Wenn Sie eine Baumwollplantage haben in South Carolina und der Kalender im Herrenhaus zeigt das Jahr 1856, dann erstehen Sie preiswerte Sklaven aus Afrika. Sie lassen pflücken. Wenn Sie einen Krieg führen wollen, greifen Sie sich arme Würstchen und lassen sterben. Sie sterben nicht selbst. Aber Männer tun es. Offensichtlich haben die sich, abkommandiert qua Geschlecht, vollkommen damit abgefunden, »Macht« zu nennen, was jede andere betroffene Gruppe als Zeichen absoluter Machtlosigkeit dechiffrieren würde.

Männer sterben allerdings auch, während sie das Handwerk Krieg noch üben. »Dedowschtschina«, das brutale Kastensystem der Herrschaft der Älteren über die Jüngeren in der russischen Armee dient der Anschauung. Die Armee als Staat im Staate gewährleistet ein System gesellschaftlich unbeaufsichtigter Erniedrigung und Vergewaltigung, Abrichtung und Tötung junger Männer. Es sind übrigens Wehrpflichtige. Die russische Gesellschaft nimmt es hin, dass mal 7000, mal 10 000 Rekruten pro Jahr zu Tode kommen. Einfach so. Nicht beim Einsatz in den Krisenherden oder bei Feindkontakt, sondern im eisigen »Frieden« hinter Kasernenhoftoren. Irgendjemand deswegen größer beunruhigt? Nein, es handelt sich um den üblichen Männerver- und missbrauch. Nun stellen wir uns vor, es würde sich Jahr für Jahr um zwangsverpflichtete, in die totale Rechtlosigkeit gestürzte, schamlos geopferte, junge Frauen handeln. Was geschähe?

Die Delegierung aller gesellschaftlichen Aggressions-, Gewalt- und Schutzaufgaben an Männer ist Sexismus. Die einen machen sich die Finger schmutzig, die Frauen waschen Hände in Unschuld. Fakt für die Männer ist, dass sie, als Individuum, dabei ungeschützt zurückbleiben.

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Paul-Hermann Gruner: »Der Mann als Kulturverlierer«, Darmstädter Echo, Magazin zum Wochenende, 29. April 2000, Zeile 225 – 296

 

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Überarbeitet am 25. Juni 2003