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Stichwort: Dienstmagd Frau. »Women is the nigger of the world«, sang Yoko Ono 1972 unter beifälligem Nicken. Nigger, das waren die Sklaven in den USA. Ono singt da ein starkes Stück. Es gibt kein Beispiel in der Historie für eine Gruppe, die es wagte, sich als versklavt zu definieren und gleichzeitig zwischen 52 und 54 Prozent der Wahlberechtigten stellt in formal wie substanziell funktionierenden Demokratien. In denen, nebenbei, viele Sklavenhalter ein Leben lang für die Sklavin und die Kinder der Sklavin zahlen, in Ehen und nach den Ehen, im Idealfall mit ihrer Pension auch über den Tod hinaus. Verkehrte Welt: Frauen sollten Männer finanziell bemuttern, denn, wie üblich: Könige werden von ihren Untertanen finanziert. Oder?

Wenn überhaupt, dann müsste der seltsame Neger männlich sein. Was seine Verfügbarkeit angeht, seine Benutzbarkeit, seine Verdinglichung. Und weil es für ihn in der modernen, westlich-zivilisierten Welt so wenig Alternativen gibt und so viele Defizite. Wenn eine Frau heute mit einem Mann zusammen leben will und Kinder kommen sollen, kann sie – gesellschaftlich breit akzeptiert – wählen: 1. Vollzeitarbeit mit delegierter Kinderbetreuung. 2. Vollzeitmutter. 3. Halb Berufstätigkeit, halb Familienarbeit. Die allermeisten Männer können derweil, aus unterschiedlichsten Gründen heraus, nur von einer Variante von Zukunft ausgehen: Vollzeitarbeit, eventuell geschmückt mit einem Strauß Überstunden, weil die Ansprüche der Familie wachsen. Die Sicht auf die Dinge ist wichtig: Wahlmöglichkeiten vorzufinden, hat etwas mit der Freiheit zu tun, sich, auch zeitweise, für die »warme« Seite des Lebens zu entscheiden. Das ist die mit den emotionalen Gewinnen. Mobbing im Büro oder Hackordnung auf der Baustelle ist die mit den emotionalen Verlusten.

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Paul-Hermann Gruner: »Der Mann als Kulturverlierer«, Darmstädter Echo, Magazin zum Wochenende, 29. April 2000, Zeile 91 – 160

 

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Überarbeitet am 25. Juni 2003