Interview mit dem letzten Arbeitslosen

 

(Jingle: Chatlounge im Mentelcom-Center, Frankfurt …)

INTERVIEWER: Herr Bienmüller, Sie sind ein Mensch der ganz besonderen Art, nämlich der letzte noch lebende jobless-worker. Erzählen Sie doch mal: Wie kam es dazu?

HERR B.: Also, das war damals als der NeuRo eingeführt wurde und die große Krise kam. Da verlor ich meinen Arbeitsplatz als Gärtner …

I.: »Gärtner« – schön, wie Sie sich dieses alte wordhandling erhalten haben. Nun ja, schließlich sind Sie mittlerweile 123 Jahre alt. Da müssen Sie ja auch langsam an die Autodissolution denken, nicht wahr?

B.: Hm, iss man wohl so.

I.: Aber, Herr Bienmeier, zurück zu Ihrer joblessness. Wie war das eigentlich damals? Viele können sich das wahrscheinlich gar nicht vorstellen. Zur Erinnerung und für die Jüngeren unter unseren Hörern eine kleine Nachhilfe: Nach der Gründung von Eurasia wurde zunächst der Robel als neue Währung eingeführt. Der erwies sich jedoch als Fehlschlag. Deshalb wurde dann der neue Robel, der NeuRo, ausgegeben. Die Lage im jungen Eurasia war allerdings immer noch im höchsten Maße instabil: Es gab eine galoppierende Inflation, an die sechzig Millionen im Bundesstaat Deutschland wurden mit einem Schlag zu jobless-workern – die Wende kam dann erst mit dem neuen Kanzler Gero Nordernelle.

B.: Der Döskopp.

I.: Aber er hatte doch durchaus einige innovative Ideen! Ich denke da zum Beispiel an die Verschickung deutscher Arbeitsloser nach Indien, um unter Anleitung dortiger Trainer intensives low-waging und die Lösung von überzogenem sozialen Sicherheitsdenken zu lernen. Dann auch die schöne Kampagne »Carepakete aus China«! Oder das Modell »Patenschaft für einen Arbeitslosen«. Das waren doch brilliante Einfälle!

B.: Wenn Sie meinen.

I.: Wieso wurden Sie damals eigentlich jobless?

B.: Ganz einfach. Das war wegen der Abschaffung von der Umwelt.

I.: Richtig, das haben Sie ja alles noch miterlebt! Ein wahrhaftiger Wendepunkt in unserer jüngeren Geschichte: Nachdem man Jahrzehnte zuvor umständlich die Umwelt eingeführt hatte, kam zu Beginn der Regierungszeit Nordernelles eine Lösung in Sicht: Die weitläufigen Biozonen wurden auf ein vernünftiges Maß downgesizt und die verbleibenden green-belts endlich einer effizienten Nutzung zugeführt. Indem man die greenbelts auf vollautomatische Pflege umstellte, wurden dann fast alle green-worker jobless. Wie haben Sie damals reagiert?

B.: Ich hab dem Nordernelle ’nen Brief geschrieben.

I.: Sie meinen, so richtig auf Papier geschrieben?

B.: Ja, mit Umschlag. Ich hatte sogar noch Briefmarken.

I.: Der non-digital-letter-service war doch aber schon seit einigen Jahren eingestellt.

B.: Tja, das war das Problem … Ich hab den Brief dann selbst vorbeigebracht.

I.: Und wie hat der Kanzler reagiert?

B.: Er hat gelacht und hat gesagt, das fänd er ja süß – dieser schnöselige Heini.

I.: Aber, soviel ich weiß, hat man Ihnen doch einen Job als mentelcom-worker angeboten, nicht wahr?

B:: Hm.

I.: Die Erfindung der mentalen Telekommunikation durch Carboni, – für uns Heutige natürlich selbstverständlich – löste damals eine echte Revolution auf dem Jobmarkt aus: In einer nie gekannten synergetischen Kooperation mit dem führenden Technologie-Unternehmen Mentelcom schaffte es Kanzler Nordernelle, die allgemeine joblessness fast über Nacht zu beheben, indem er alle privaten Haushalte mentel-online schalten ließ. Damit hatte jeder Bürger die Möglichkeit zum Börsen-browsing. Durch geschicktes free-market-surfing konnte man sich in lukrative Termingeschäfte und andere Spekulationen einklinken. Warum sind Sie damals nicht auch eingestiegen, Herr Bienstock?

B.: Ach, wissen Sie, ich konnte das Gepiepse im Kopf nich ab.

I.: Und wie haben Sie sich dann above-water-level gehalten?

B.: Hä?

I.: Ich meine, wie konnten Sie sich über all die Jahre finanzieren?

B.: Na, von wegen die alten Telefone.

I.: Aha? Also das müssen Sie mal genauer erzählen, Herr, äh, Bienfleiß. Wie war das mit diesen, wie sagten Sie noch: Tele-fone?

B.: Ja, das war so: Früher, da hatte jeder son Telefon zum Mitnehmen, son Handy eben. Manche hatten sogar mehrere. Ich hatte ja immer nur eins. Meine Frau – die iss ja nun nich mehr – auf jeden Fall, die hatte immer zu mir gesagt: »Hermann«, hat se gesagt, »quatsch nich so viel« – von wegen die hohen Gebühren von dem Handy. Konnste arm von werden. Später, als die Leute die Dinger alle weggeschmissen ham, hab ich angefangen, die Handies zu sammeln. (lacht in sich hinein) Die ganze Wohnung war knackevoll …

I.: (ungeduldig) Ja, aber was haben Sie denn nun mit diesen Geräten gemacht?

B.: Ja, also meine Frau, die hat ja immer sehr wirtschaftlich gedacht, und da hat se eines Tages zu mir gesagt: »Hermann, jetz ham wir die ganze Zeit soviel geblecht für die blöden Handies«, von wegen die hohen Gebühren, »nun soll auch mal für uns der Robel rollen«, hat se gesagt. Und da hat se mir den Einfall mit die Telefone erzählt. Ich also nix wie die alten Dinger instandgesetzt und als »Nostalgic Handies« zum Mieten angeboten. Wir ham sogar einen Anrufservice gemacht, da ham die Leute dann gesagt, wann sie gerne angerufen werden wollen und die ham wir dann alle aufgeschrieben und ham die dann angerufen. (hier fällt ihm der Interviewer ins Wort: LEISER WERDEN) Manchmal bis zu zehn Anrufe am Tag.

I.: Ist ja hochinteressant. Und heute, was machen Sie da so den lieben, langen Tag? Stimmt es, dass Sie mit einem uralten Mountainbike durch die green-belts fahren?

B.: Jou.

I.: Und haben Sie denn auch schon mal die neuen joy-glider ausprobiert?

B.. Wat fürn Ding?

I.: (Werbespotmäßig) Diese fantastische neue Sportart sollten Sie sich nicht entgehen lassen! Superfun für Superhipsters: joy-gliding. Jetzt auch für non-youngsters. Bestellen Sie jetzt gleich auf Mentelcom-Frequenz 3004 das neueste Modell mit eingebauter Popcorn-cannon: joy-glider »pink cloud number nine«. You feel fine on pink cloud number nine! – Herr Bienfeld, wir danken Ihnen für diesen chat.

Ausschnitt aus dem Titelbild

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Manuskript: Dr. Holger Wilmesmeier
Überarbeitung des Manuskripts: Dr. Anna Schneider
 
Sprecher – Arbeitsloser: Dr. Holger Wilmesmeier
Sprecherin – Interviewerin: Dr. Anna Schneider
 
Studioaufnahmen: Niko Martin
Soundbearbeitung: Dr. Anna Schneider
produziert in den Studios von Radio Darmstadt

Gelaufen ist der Beitrag in der Tinderbox, Teil 26, am 15. April 2002.
Der Beitrag findet sich als mp3-file zum Download bei www.freie-radios.net.
Danke an Dr. Holger Wilmesmeier, dass er uns das Manuskript zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat.

Überarbeitet am 27. August 2003

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Ausschnitt aus dem Titelbild