Hinter den Spiegeln: Die Pariser CommuneSendung vom 18. März 2008 Inhaltsübersicht
Jingle »Alltag und Geschichte« Hinter den Spiegeln, eine Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt von Katharina Mann. Sprecherinnen: Cornelia Roch und Katharina Mann. Ein Gedanke, zwischen zwei parallel ausgerichtete Spiegel gestellt, scheint sich ins Unendliche zu vervielfachen. – Aber was ist hinter den Spiegeln? Hinter den Spiegeln heute: Ein Jahrestag. Vor einhundertundsiebenundreißig Jahren, am 18. März 1871, besetzte in Paris das Zentralkomitee der Nationalgarde – einer Bürgermiliz – das Rathaus. Für etwas über zwei Monate nahm die Bevölkerung von Paris ihre Regierung in die eigenen Hände: Die Pariser Commune. Wenn geschichtlich gesehen die französische Revolution fast einhundert Jahre früher die Ablösung der Feudalherrschaft bedeutet und die Einführung des modernen – bürgerlichen – Staates, dann liegt die Bedeutung der Pariser Commune darin, dass sie die erste Arbeiterrevolution ist. Zur Einstimmung der Abschnitt zur Pariser Commune aus der Proletenpassion der Schmetterlinge. Danach werden wir näher eingehen auf die Geschichte der Commune, wie es zu der Erhebung kommen konnte und was sie bedeutet für die weitere geschichtliche – politische und soziale – Entwicklung. [ Schmetterlinge / Proletenpassion – Pariser Commune ] Politische Kleinkunst der 1970er-Jahre. Hier die Wiener Gruppe »Die Schmetterlinge« mit ihrer Proletenpassion, dem Abschnitt über die Pariser Commune 1871. Die Proletenpassion ist der Versuch der musikalischen Umsetzung einer »Geschichte von unten« seit den Bauernkriegen im 16. Jahrhundert bis zur zeitgeschichtlichen Situation in den 1970er-Jahren. Mit der Form der Komposition griffen die Schmetterlinge zurück auf die Oratorien der Barockzeit wie den »Messias« von Händel oder eben auch die Passionen von Johann Sebastian Bach (Matthäuspassion und Johannespassion), die nicht nur musikalisch-formal, sondern auch in der Namensgebung Pate standen für das Werk. Dieser Bezug ist problematisch. Der Namensteil »Passion« lässt vermuten, dass es sich um eine Leidensgeschichte handelt – das Wort kommt von lateinisch »pati« – erleiden, erdulden – und das wollten die Schmetterlinge mit ihrem Werk genau nicht ausdrücken. Ihnen ging es darum, sich positiv auf die Kämpfe der Unterdrückten zu beziehen. Deswegen war der Begriff der »Passion« auch innerhalb des Band-Kollektivs umstritten. Weil sie sich auf keine andere Bezeichnung einigen konnten, blieb es aber doch beim einprägsamen Titel der »Passion.« Wenn wir den Anspruch erheben, Geschichte »von unten« zu betrachten, wenn wir den Anspruch erheben, uns positiv auf die Kämpfe der Unterdrückten zu beziehen – brauchen wir dann sakrale Überhöhung? Brauchen wir Märtyrer, brauchen wir diese ganze Revolutionsromantik? |
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Manuskript
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Revolutionen fallen nicht vom Himmel. Jede dieser revolutionären Staatskrisen im 19. Jahrhundert brachte Frankreich etwas weiter auf dem Weg zu einer modernen Republik. Jede dieser Revolutionen brachte für die revoltierende Bevölkerung letztlich nicht das Ergebnis, das sie sich erhofft hatte, – Freiheit und Gleichberechtigung im politischen, sozialen und ökonomischen Leben. Das politische Ergebnis der Französischen Revolution war die konstitutionelle Monarchie. Diese wurde mit der Vertreibung und Ermordung Ludwigs des XVI. sehr schnell von der Ersten Französischen Republik abgelöst. Es folgte die Terrorherrschaft der Jakobiner und dann der Thermidorianer (»die Revolution frisst ihre Kinder«), sowie das parlamentarische Zweikammersystem des Direktoriums. 1799 ergriff Napoleon Bonaparte in einem Staatsstreich die Macht als erster Konsul, bis er sich 1804 selbst zum Kaiser krönte. Damit sind wir zurück bei der konstitutionellen Monarchie. Diese war vor allem im Sinn der bürgerlichen Kräfte, die die erreichte Abschaffung der Feudalherrschaft und Rechtsgleichheit begrüßten, den Unterschichten aber keine weiteren Zugeständnisse an Mitbestimmungsrechten machen wollten, wie sie mit der Errichtung einer Republik verknüpft gewesen wären. Es folgten die bourbonischen Könige Ludwig XVIII. und Karl X., der eine Rückkehr zu den feudalen Verhältnissen vor der Französischen Revolution anstrebte. Als Karl X. 1830 das Parlament auflöste, wurde dieser Staatsstreich mit der Julirevolution beantwortet. Diese Revolution wurde aber sehr schnell eingedämmt, die republikanischen Kräfte arrangierten sich mit dem Großbürgertum, – eine Republik hätte sich vor allem außenpolitisch nicht behaupten können – Louis-Philippe wurde eingesetzt, der sogenannte »Bürgerkönig«. Dieser regierte zunächst sehr liberal. Das Bürgertum entwickelte sich, eine umfassende Industrialisierung setzte ein. Mit der Industrialisierung verschärften sich aber auch die sozialen Probleme, auf die die Monarchie nicht adäquat reagierte. Schon 1848 beendete die nächste – wiederum bürgerliche – Revolution die Monarchie. Aus ihr entstand die zweite Französische Republik mit Louis Napoleon Bonaparte als Staatspräsident. Diese Republik hatte aber nur drei Jahre lang Bestand, dann putschte Louis Napoleon und erklärte sich selbst ein Jahr später als Napoleon III. zum Kaiser. Das Zweite Kaiserreich trug zunächst die Züge einer Diktatur. Die Industrialisierung schritt voran, die Wirtschaft prosperierte, mit außenpolitischen Erfolgen konnte Napoleon III. seine Popularität steigern. Mit der Niederlage Frankreichs im deutsch-französischen Krieg 1870 / 1871 endete das Zweite Kaiserreich. Auslöser für den deutsch-französischen Krieg war ein Streit über die Thronfolge in Spanien gewesen. Am 1. September 1870 endet das zweite französische Kaiserreich mit der Niederlage in der Schlacht bei Sedan. Es folgte die Kapitulation am 2. September und die Ausrufung der Republik – der Dritten Französischen Republik – am 4. September. Und damit beginnt auch die Geschichte der Pariser Commune. Die Ausrufung der Republik war veranlasst durch eine Erhebung der Pariser Bevölkerung, die die Niederlage bei Sedan nicht hinnehmen wollte. Allerdings waren die republikanischen Kräfte zu schwach, um tatsächlich auch die Regierungsmacht zu halten. Eine »Regierung der nationalen Verteidigung« wurde gebildet, der Pariser General Louis Jules Trochu und der Monarchist Adolphe Thiers nahmen darin Schlüsselpositionen ein. Der deutsch-französische Krieg war mit der Schlacht bei Sedan aber noch nicht zu Ende. Die Franzosen wollten die Niederlage nicht hinnehmen, reaktionäre preußische Kreise hofften, mit einer Fortführung des Krieges noch eine Annexion von Elsaß-Lothringen erreichen zu können. Besonders problematisch für die Regierung war, dass die Pariser über eine Bürgermiliz verfügten, die Nationalgarde. Bis dahin war die Nationalgarde eher ein Heer der besseren Bürger gewesen: Krämer, Ärzte, Advokaten, Beamte. Im Belagerungswinter, der vor allem die Armen hart traf, strömten die Arbeiter in die Nationalgarde. Sie wurden nur mit schlechteren Waffen ausgestattet, als die »alten Bataillone« der besseren Kreise. Aber sie waren bewaffnet. Und sie setzten bereits während der Belagerung eine Neuerung durch: Dass die Soldaten ihre Offiziere selbst wählten. Paris war mit Belagerung durch die Preußen nicht klein zu kriegen, also bereitete die Regierung die Kapitulation vor. Der knappe zeitliche Rahmen war im Sinn der französischen Nationalregierung: Nur mit einer gewissen »Übertölpelung« der Bevölkerung war eine Mehrheit der konservativen Kräfte möglich. Diese Mehrheit kam zustande, weil die Landbevölkerung in Frankreich religiös und konservativ war. So etwas wie ein freier Wahlkampf fand nicht statt. Am 28. Februar wurde die Kapitulation von Paris erklärt. Paris war schon während des Zweiten Kaiserreichs unter dem Präfekten Georges Eugène Haussmann grundlegend umgestaltet worden, die Altstadtviertel waren platt gemacht worden, breite Boulevards trennten die Viertel, in denen jetzt moderne Prachtbauten errichtet wurden, von den Vierteln ab, in die die Armen vertrieben wurden. Die Boulevards wurden nicht nur als repräsentative Parade- und Prachtstraßen gebaut, sondern auch mit einer militärischen Intention, weil sich über einen breiten Boulevard Barrikaden nur sehr viel schwerer bauen ließen als in engen Altstadtgassen. Damit war aber auch die Trennung in bourgeoise und sozialistische Viertel festgelegt, den gefürchteten »roten Gürtel« um Paris haben sich die Machthaber selbst angelegt. Das Problem der Nationalregierung verschärfte sich immer mehr. Das französische Heer wurde im Zuge der Kapitulation entwaffnet, die Nationalgarde durfte ihre Waffen behalten, weil es eine private Armee war. Der Plan scheiterte, die Waffen in die Hände der Preußen geraten zu lassen. Nun versuchte es die Nationalregierung mit einer offenen Lüge: Die Waffen der Nationalgarde seien der Regierung zurückzugeben. Die Waffen waren aber von den Pariser Bürgern bezahlt gewesen – da war nichts mit »zurückgeben«. Im Morgengrauen des 18. März schickte die Regierung ihre Truppen nach Paris, um die Kanonen der Nationalgarde abzuholen. Der Coup scheiterte in zweierlei Hinsicht: Hals über Kopf, wie die Aktion durchgeführt wurde, hatte die Regierung vergessen, Wagen für den Abtransport der Kanonen bereitzustellen. Dies verschaffte den Parisern Zeit, den versuchten Raub zu bemerken und ihre Waffen zu verteidigen. Und dann verbrüderten sich die Regierungstruppen mit der Nationalgarde und richteten schließlich den Schießbefehl statt gegen die Zivilbevölkerung gegen ihre eigenen Offiziere Lecomte und Clément Thomas. Das Zentralkomitee der Nationalgarde – es war erst wenige Tage zuvor gewählt worden, als eine Reaktion der Pariser auf das wenig vertrauenerweckende Verhalten der Nationalregierung – besetzte die strategisch wichtigen Punkte der Stadt: Kasernen, die Polizeipräfektur, das Justizministerium und das hotel de ville, das Rathaus. Damit war der Bürgerkrieg eröffnet. Und damit beginnt die Pariser Commune. Das eigentlich Faszinierende an der Pariser Commune ist die Beharrlichkeit, mit der die Kommunardinnen und Kommunarden eine direkte Demokratie umsetzen. Der Begriff der »Commune« bezeichnet dabei sowohl ganz schlicht den Gemeinderat, der gewählt wird, als auch eine Regierungsform, in der ein Stadtstaat unabhängig ist von der Landesregierung. Das beginnt damit, dass das Zentralkomitee der Nationalgarde die Macht nicht behält, sondern bereits am zweiten Tag Wahlen zur Commune für den 22. März ankündigt. »Bürger,« schreibt das Zentralkomitee der Nationalgarde in einem Appell, »ihr habt uns mit der Organisation der Verteidigung von Paris sowie Eurer Rechte betraut. Wir sind der Meinung diese Mission erfüllt zu haben. Unterstützt durch Euren großartigen Mut und Eure bewundernswerte Kaltblütigkeit, haben wir die Regierung, die uns verriet, davongejagt. Damit ist unser Mandat abgelaufen, wir geben es Euch hiermit zurück, denn wir maßen uns nicht an, die Rolle derjenigen zu übernehmen, die der Atem des Volkes hinweggefegt hat. Bereitet denn also schnellstens Eure Kommunalwahlen vor und schenkt uns die einzige Belohnung, die wir uns jemals erhofften: Euch eine wirkliche Republik errichten zu sehen. Die Wahlen erwartend bleiben wir im Namen des Volkes im Stadthaus.« Die Wahlen werden dann nochmal verschoben und finden am 26. März statt. Vor den Wahllokalen werden Nationalgardisten postiert, die dafür sorgen, dass das Abgeben und Auszählen der Stimmen nicht behindert wird. Die Wahlen verlaufen völlig friedlich. Die Stimmen werden am 27. und 28. März ausgezählt, am 28. März wird dann das Wahlergebnis bekannt gegeben und die Commune ausgerufen. Das Zentralkomitee der Nationalgarde beginnt sofort am 19. März mit der Organisierung der bürgerschaftlichen Aufgaben – die Regierung beschränkt sich auf das Verwalten der Belange der Bevölkerung nach dem Willen der Bevölkerung. Einige wichtige Beschlüsse werden nach der Wahl von der Commune bestätigt. Zu den Regelungen, die das Pariser Volk ab dem 18. März trifft gehören folgende: Den Einwohnern von Paris werden die während der Zeit der Belagerung aufgelaufenen Mietschulden erlassen. Nur diejenigen, die während der Zeit der Belagerung weiterhin Einkünfte hatten, müssen ihre Mietschulden bezahlen. Später wird die Konfiszierung von Wohnungen beschlossen, um den Opfern der Bombardements Unterkunft zu verschaffen. Die Betriebe, die von den geflohenen Kapitalisten verlassen wurden, werden von den Arbeitern in Paris weiter geführt. Sollten die ursprünglichen Eigner zurück kehren, muss über Entschädigung verhandelt werden. Überhaupt werden arbeitsrechtliche Fragen sehr ernst genommen: In arbeitsrechtlichem Zusammenhang ausgesprochene Strafen und Lohnkürzungen müssen zurückgenommen werden. Die Arbeitsbedingungen werden verbessert, zum Beispiel wird die Nachtarbeit für Bäcker abgeschafft. Verletzte und Hinterbliebene des Bürgerkriegs erhalten eine Rente. Dabei werden die unverheirateten Partnerinnen den Ehefrauen gleichgestellt. Die Höhe der Diäten für die Kommunarden wurde in der Höhe eines durchschnittlichen Arbeiterlohns festgelegt. Alle diese Regelungen mussten irgendwie organisiert und umgesetzt werden. Die öffentliche Verwaltung hatte sich zusammen mit der Regierung nach Versailles abgesetzt. Es musste also eine Verwaltung neu aufgebaut werden. Auffällig ist die große Beteiligung von Frauen an der Commune. Bereits während der Belagerung von Paris hatten sie die Hauptlast des Alltagslebens – des Überlebens – organisiert. Der Überlieferung nach war es die Lehrerin Louise Michel, die den versuchten Raub der Kanonen auf Montmartre entdeckte und die Gegenwehr organisierte. In der Commune hatten sie zwar noch nicht das Wahlrecht, sie erhielten aber wichtige Funktionen in der Verwaltung und hatten ganz selbstverständlich und relativ gleichberechtigt teil an der Organisierung des allgemeinen Lebens. Es wurde geplant und auch teilweise umgesetzt, Mädchen die gleichen schulischen Bildungschancen zu gewähren wie Jungen, Ideen zur Kinderbetreuung wurden entwickelt. Die Frauen waren die großen Nutznießerinnen der neuen Regelungen zur Hinterbliebenenversorgung und zur Trennung von Kirche und Staat – hatten sie doch zuvor am meisten unter der bigotten Moral der Kirche zu leiden gehabt. Natürlich wollte die konservative französische Regierung nicht hinnehmen, dass Paris sich sozialistisch selbst verwaltete. Eine militärische Niederschlagung des Aufstands war auf jeden Fall gewollt. Mit dem Erlass über die Enteignungen der kapitalistischen Betriebe hatte die konservative Nationalregierung in ihrer eigenen Logik gar keine andere Wahl, als die Commune militärisch zu zerschlagen. Zwar hatte die Verpflichtung, bei einer eventuellen Rückkehr der frühereren Eigner Regelungen zur Entschädigung zu treffen, etwas von einer großen »Anständigkeit« an sich. Gleichzeitig war damit aber auch zum Ausdruck gebracht, dass die Betriebe Eigentum des Volkes bleiben sollten. Das konnte auf keinen Fall geduldet werden! Allerdings hat die Commune die Machtfrage nicht konsequent genug gestellt. Die entscheidenden Fehler der Commune bestanden darin, dass sie die Nationalregierung unangestastet gelassen hat und dass sie die französische Nationalbank nicht enteignet hat. Was die Enteignung der Nationalbank betrifft, so scheiterte sie am Widerstand der Proudhonisten im Rat. Das Ratsmitglied, das mit der Nationalbank über Kredite verhandelte, war ebenfalls ein Proudhonist, der der Bank mit großer Ehrerbietung gegenüber trat. Die Proudhonisten – Anhänger von Pierre Joseph Proudhon – können als frühe Anarchisten bezeichnet werden. In Proudhons Schriften heißt es unter anderem: »… das Volk kennt nur eine Art ökonomischer Fragen: die des Lohnes, des Lebensunterhaltes. Um nichts anderes als um seinen Unterhalt, seine Arbeit, seinen Lohn geht es ihm also in jenem großen Wort: Krieg den Palästen, Friede den Hütten […] Das Volk ist für die Respektierung der Ränge. Es will sich weder erhöhen noch verändern […] es will lediglich, dass auch seinesgleichen, wenn er sich Verdienste erworben hat, in den Adelsstand aufrücken kann […] Es [das Volk] träumt nicht von Gerechtigkeit, sondern von Liebe und Wohltätigkeit.« Dieser etwas weltfremde Ansatz ist den Proudhonisten aber nicht unbedingt zu verübeln. Dass die Commune – auf Seite der Kommunarden – so friedlich verlief, dass die Kommunarden sich erst ganz am Ende zu Ausschreitungen verleiten ließen, Geiseln auf der Seite der Nationalregierung nahmen und drohten, für jedes Opfer in ihren Reihen drei Geiseln zu töten – eine Drohung, die sie auch nicht wahrgemacht haben – dieser weitgehend friedliche Verlauf ist vor allem den Proudhonisten zu verdanken. Das prominenteste Opfer unter den Geiseln ist der Bischof Darboy. Die Kommunarden hatten angeboten, ihn mitsamt einiger anderer Geiseln gegen den von der Nationalregierung gefangenen Blanqui auszutauschen. Wie Karl Marx in »Der Bürgerkrieg in Frankreich« treffend kommentiert war Thiers der eigentliche Mörder des Bischofs Darboy. »Er wusste, dass er der Kommune mit Blanqui einen Kopf geben, während der Erzbischof seinen Zwecken am besten dienen würde als – Leiche.« Unter den Bedingungen der doppelten Belagerung – sowohl durch die eigene Nationalregierung als auch durch die preußischen Truppen – war die Commune auf Dauer nicht zu halten. Ein militärischer Sieg über die Commune war für die französische Nationalregierung aber erst möglich, als Bismarck indirekt zu Hilfe kam und die französischen Kriegsgefangenen frei ließ, mit denen die Versailler Armee aufgestockt wurde. Im April begann der Sturm auf Paris. Am 21. Mai konnten die Versailler Truppen in Paris eindringen. Eine Woche lang metzelten sie alles nieder, bis am 28. Mai die letzte Barrikade eingenommen war. Das Hauptcharakteristikum der Pariser Commune ist das imperative Mandat: Alle Stadträte wurden direkt gewählt, die Militärs und alle Beamten wurden für eine bestimmte Aufgabe gewählt und waren jederzeit absetzbar, wenn sie die Aufgabe nicht zur Zufriedenheit erledigten. Karl Marx beschreibt das als Korrespondent für die Internationale Arbeiter-Assoziation IAA in »Der Bürgerkrieg in Frankreich«: »Die Kommune bildete sich aus den durch allgemeines Stimmrecht in den verschiedenen Bezirken von Paris gewählten Stadträten. Sie waren verantwortlich und jederzeit absetzbar. Ihre Mehrzahl bestand selbstredend aus Arbeitern oder anerkannten Vertretern der Arbeiterklasse. Die Kommune sollte nicht eine parlamentarische, sondern eine arbeitende Körperschaft sein, vollziehend und gesetzgebend zu gleicher Zeit. Die Commune beabsichtigte also durchaus, ihre Art der Regierung über das Stadtgebiet von Paris hinaus auf das ganze Land auszudehnen. Nur war das in der konkreten historischen Situation nicht mehr möglich, nachdem versäumt worden war, die Nationalregierung in Versailles zu schlagen, als sie noch schwach war. Nach dem Scheitern der Commune wurde sie zu einem Negativbeispiel – wie man es nicht machen soll. Die russische Revolution 1917 wurde gehalten. – Um den Preis des stalinistischen Terrors. Deswegen ist es sicherlich verkürzt, von der Commune nur die militärischen Aspekte lernen zu wollen, die Unbedingtheit im Willen, dass man die Macht wollen muss, dass man Gewalt wird anwenden müssen, denn freiwillig wird die herrschende Klasse sie nicht abgeben … Der französische Historiker Alain Dalotel, der sich eingehend mit der Pariser Commune beschäftigt hat, stellt fest, dass nach dem Scheitern des realexistierenden Sozialismus das Interesse an der Geschichte der Pariser Commune gewachsen sei, die Frage, was ihre Stärken ausmachte und wo ihre Schwächen lagen. Wenig bekannt ist, dass zur gleichen Zeit auch in weiteren französischen Städten die Commune ausgerufen wurde: In Lyon am 22. März, in Marseille und Toulouse am 23., in Narbonne und Saint Etienne am 24., in Le Creusot am 26. und schließlich in Limoges am 4. April. Aber auch in den ländlichen Gebieten entfaltete sich der Widerstand. Die Aufstände in den Städten wurden durch die Versailler Regierung isoliert und gewaltsam erstickt. Am längsten – außer Paris – konnte sich noch die Commune in Marseille halten mit immerhin zwölf Tagen. Davon haben die wenigsten von uns in der Schule gehört. Das ist auch nicht weiter erstaunlich. Jaques Tardi, der französische Comiczeichner, der nach einem Roman von Jean Vautrin ein vierbändiges Comic über die Pariser Commune gezeichnet hat, meint dazu im Interview: »Man erfährt darüber ja auch nichts von den Lehrern. Auch in den Schulbüchern kommt die Kommune nicht vor. Es wird wohl befürchtet, dass die SchülerInnen ihre Schulen in Brand stecken würden. Dies wäre einfach logisch.« Was können wir also wirklich von der Commune lernen? – Vielleicht das: Dass Vielfalt und Respekt voreinander uns vor den Auswüchsen ideologischen Terrors schützen können. – Aber auch das: Dass wir zwar die Commune ausrufen können, dass deswegen aber noch nicht »der neue Mensch« – der befreite Mensch – vor uns steht. Sollten wir in die Situation einer Revolution kommen, würden wir uns genauso in dem Dilemma befinden, dass wir die Verantwortung dafür übernehmen müssten, Gewalt auszuüben – denn freiwillig wird die herrschende Klasse die Macht nicht abgeben. Die Frage nach dem »neuen Menschen«, nach dem befreiten Menschen – die Frage, wie wir die verinnerlichte Ideologie der Herrschenden loswerden, die uns dazu bringt, uns selbst zu unterdrücken – diese Frage auszudiskutieren sollten wir uns die Zeit vielleicht besser vor der nächsten Revolution nehmen. Jingle »Alltag und Geschichte« Hinter den Spiegeln – die Pariser Commune. Eine Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt von Katharina Mann. Die Sprecherinnen: Cornelia Roch und Katharina Mann.
Eingestellt am 8. März 2009. [ Spiegelkabinett ] [ Liste der Sendemanuskripte ] [ Seitenanfang ] |
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