»Hinter den Spiegeln: SchmutzwäscheSendung vom 21. März 2005 Inhaltsübersicht
Jingle »Alltag und Geschichte« »Hinter den Spiegeln« eine Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt von Niko Martin und Katharina Mann. Ein Gedanke, zwischen zwei parallel ausgerichtete Spiegel gestellt, scheint sich ins Unendliche zu vervielfachen. Hören Sie, was wir sehen, wenn wir in die Spiegel schauen. Und vor allem: Was ist eigentlich hinter den Spiegeln? Heute steht zwischen unsern Spiegeln: Schmutzwäsche. Neinnein, nicht die Tante, die alle Waschmaschinen kannte
Es geht um Interna aus unserem Radioverein RadaR eV. Nun kann man oder frau sich natürlich fragen, wozu es gut sein soll, Interna nach außen zu tragen? Ein bisschen Misstrauen gegenüber der eigenen Motivation ist sicherlich angebracht. Gerade und erst recht, wenn es sich um einen Medienbetrieb handelt wie bei RadaR eV, wenn man und frau davon ausgehen kann, dass wir wissen, wie Medien und Öffentlichkeit funktionieren, dass wir wissen, in welcher Machtposition steht, wer öffentlich das Wort ergreift öffentlich das Wort ergreifen kann. Wenn das die Motive sind, dann wäre es besser, den Mund zu halten und nach Mitteln und Wegen zu suchen, die Diskussion intern auszutragen. Es handelt sich bei unserer schmutzigen Wäsche nicht um eine radiospezifische Diskussion, sondern es ist ein ganz alltägliches Thema, das uns überall begegnen könnte: Auf Arbeit, in der Schule, im Fitnessstudio oder in der Kneipe. Die schönen Worte in Satzung und Redaktionsstatuten sind das eine. Das andere ist das Prinzip der Zugangsoffenheit. Das heißt, grundsätzlich darf jeder und jede bei uns senden. Alle haben bei uns etwas zu sagen, auch diejenigen, deren Stimme sonst nicht gehört wird. Das hat durchaus etwas Emanzipatives. Doch wo sind die Grenzen? Klar: Volksverhetzende Parolen haben bei uns keinen Platz; wir wollen keine rassistischen und sexistischen Inhalte. Und unsere Beiträge dürfen nicht die Würde anderer Menschen herabsetzen wie in allen anderen Medien auch. Ist das so klar? Lassen sich die Grenzen so klar ziehen? Sind wir uns alle einig darüber, was entwürdigend ist? Können wir das überhaupt sein? Ist »Würde« nicht etwas sehr persönlich Empfundenes? Gibt es Grenzen? Und wer legt sie fest? |
![]()
Manuskript
|
|
Musik: Stereo Total Ich bin nackt Zwischen den Spiegeln unserer Sendung steht heute Schmutzwäsche. Wir haben versucht, herauszuarbeiten, worin das öffentliche Interesse besteht, sich mit unserer schmutzigen Wäsche zu befassen. Das öffentliche Interesse an internen Diskussionen unseres Radiovereins besteht darin, dass hier Vieles ganz besonders deutlich erkennbar ist. Wenn wir mit unserem Berg von schmutziger Wäsche an die Öffentlichkeit treten, müssen wir uns bewusst sein, wie Schmutzwäsche funktioniert. Wir müssen uns der Frage stellen, mit welcher Absicht Menschen interne Diskussionen nach außen tragen also auch wir. Unsere eigene Motivation haben wir dargelegt. Wir halten sie für lauter. Es geht um das Thema Rassismus in seiner ganz alltäglichen Verbreitung und Verwendung. Was hier bei RadaR eV aufbricht, ist wahrscheinlich ganz ähnlich auch anderswo zu finden. Aber auch wir leben nicht im gesellschaftlichen Nirgendwo. Wir müssen damit rechnen, dass sich in unsere persönliche Motivation zum Schmutzwäsche Waschen immer auch so ein kleiner Faktor »Machtspiel« mit hineinmischt. Öffentlichkeit als überlegt eingesetzter Faktor zum Anstacheln einer internen Diskussion. Und natürlich ist es verlockend, den Finger in die Wunde zu legen, laut und deutlich zu sagen, wie Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen, und auf kindliche Art unseren Kolleginnen und Kollegen vorzuhalten: »Das dürft ihr aber nicht, in der Satzung steht nämlich « Das Bedürfnis, so zu argumentieren ist vielleicht nachvollziehbar und verständlich. Es ist sicherlich auch hochmoralisch. Vielleicht genügt es nicht, nach den besten moralischen Grundsätzen zu handeln und Gerechtigkeit zu fordern. Vielleicht muss, wer Freiheit, Gleichheit und Schwesterlichkeit will, immer einen Schritt voraus sein und eine andere Art des Miteinander-Umgehens schon einüben, egal, wie andere ihre Auseinandersetzungen führen oder eben auch nicht führen. Der Vorwurf, dass wir schmutzige Wäsche waschen, sollte uns also nicht schrecken. Musik: Stereo Total Les Lapins Ende Dezember lief auf unserem Radio ein Beitrag mit rassistischem Unterton. Schöne Worte sind zu lesen in unserer Vereinssatzung und im Redaktionsstatut von Radio Darmstadt: Kulturelle Vielfalt und Meinungsvielfalt ist zu gewährleisten, allen Schichten der Bevölkerung soll der Zugang zum Radio ermöglicht werden und überhaupt soll mit den Beiträgen auf Radio Darmstadt das Zusammenleben der Allgemeinheit gefördert werden insbesondere unter anderem auf den Gebieten der gewaltfreien Konfliktbearbeitung oder der Völkerverständigung und der Verständigung unter den Menschen, unabhängig von ihrer Hautfarbe oder ihrer Zugehörigkeit zu ethnischen Gruppen. Der genannte Beitrag ist sicherlich nicht der einzige Beitrag mit rassistischem Unterton in den letzten Jahren. Es geht hier nicht darum, einen einzelnen Kollegen als »rassistisch« bloßzustellen. Das hat er im Prinzip schon selber getan, indem er den Beitrag gesendet hat. Der Beitrag wurde »beanstandet«. Ganz offiziell, vom sendeverantwortlichen Vorstandsmitglied. Bevor wir uns jetzt mit den Reaktionen auf diese Beanstandung befassen, ist es vielleicht ganz sinnvoll zu wissen, worum es im fraglichen Beitrag überhaupt ging. Unter dem Titel »gesellschaftlicher Konsens für alle« forderte der Kollege eine Diskussion ein über Normen und Werte, die für alle gelten sollen, die in Deutschland leben. Zwischen den Zeilen war aber zu hören und zu lesen, dass manche noch ein bisschen gleicher sind, das heißt: sich noch ein bisschen gleicher zu verhalten haben. »Wir brauchen«, meint der Kollege, »keine Diskussion über den Islam, das Kopftuch oder Parallelgesellschaften. Wir brauchen eine Diskussion über unseren gesellschaftlichen Konsens.« Statt dessen diskutiert er munter über den Islam. Das heißt: er diskutiert nicht, denn für ihn ist klar, dass der Islam für »andere Werte als die unseren« steht. Ebenso übrigens, wie »erzkatholische Nonnen«. So jemandem ist seiner Ansicht nach nicht zuzutrauen, Kinder zu unterrichten. Wer sind eigentlich »wir« und was sind »unsere Werte«? Wer oder was ist eine »erzkatholische Nonne«? Reicht es, Nonne zu sein und katholisch und vielleicht noch, Ordenstracht zu tragen? Oder muss noch etwas anderes dazu kommen, eine »erzige Gesinnung«? Wie ist das festzustellen? Und wie können wir eine »erzkatholische« Nonne unterscheiden von einer »normalen« Nonne, die vielleicht einfach nur katholisch ist? »Katholisch« heißt übrigens »allgemein, die Erde umfassend«. Ein Anspruch, den die katholische Kirche über Jahrhunderte aufrecht erhalten hat. Inzwischen haben sich viele Katholikinnen und Katholiken von diesem Anspruch etwas frei gemacht. Aber das ist eine andere Diskussion
Und selbstverständlich diskutiert der Kollege über »das Kopftuch«. Das heißt, er diskutiert nicht. Und irgendwie diskutiert der Kollege auch über Parallelgesellschaften, auch wenn das nicht gleich so deutlich wird. Sind wir da nicht schon bei Parallelgesellschaften angelangt? Nur in der Schule, da soll es das alles nicht geben. Aber es gibt ja noch mehr heiße Themen. Und heftige Vorwürfe. Das wäre ja irgendwie vernünftig, wenn alle, die hier leben, eine gleiche Sprache, meinetwegen Deutsch, beherrschen. Auch wenn sie sich mit ihren Freunden vielleicht lieber auf Englisch, Französisch oder in Comic-Sprache unterhalten. Aber der Kollege setzt noch einen drauf: Erst recht, meint er nämlich, dürften »wir« das verlangen, wenn »wir« die Migrantinnen und Migranten finanzieren. Nur, tja Pech: Tun »wir« ja gar nicht. Unterm Strich profitieren »wir« deutschen Eingeborenen von den Migrantinnen und Migranten. Seien das nun Flüchtlinge oder Menschen, die als sogenannte »Gastarbeiter« hergekommen sind. Der Beitrag arbeitet mit einer Mischung aus Annahmen und Allgemeinplätzen. Das wird nicht so schnell hinterfragt. Formulierungen zuzuspitzen ist ein anerkanntes Mittel, um in der Überspitzung etwas deutlich zu machen, insbesondere um aufzuzeigen, wo Gedanken absurd sind. Musik: Stereo Total Orange Mécanique Zwischen unseren Spiegeln heute steht ein Waschkorb voller schmutziger Wäsche bei RadaR. Ein Beitrag vom Ende letzten Jahres wurde vom programmverantwortlichen Vorstandsmitglied als rassistisch beanstandet. Wenn ein Beitrag beanstandet wird, dann ist das eine deutliche Form der Kritik. Eine formale Beanstandung ist auch ein Hinweis auf eine entsprechend weitgehende Überbeanspruchung der journalistischen und redaktionellen Freiheiten. Interessant sind nun die Reaktionen auf die Beanstandung: Nicht nur die Reaktion des Kollegen, der den Beitrag gesendet hat mindestens ebenso interessant sind auch die Reaktionen und Nicht-Reaktionen unter den sendenden Vereinsmitgliedern. Interessant ist schon mal, dass sich niemand beschwert hat, dass es keinen persönlichen Hinweis gegeben hat an den Kollegen, der den Beitrag gesendet hat, sondern dass gleich der formale Weg eingeschlagen wurde. Wo das doch sonst als erstes kommt. Marke: Die Kritik ist ja schon okay, vielleicht auch berechtigt. Aber man hätte doch bitte erst mal mit dem Kollegen das Gespräch suchen können Fast als ob die Kritik von allen geteilt würde, als ob die einhellige Meinung wäre, dass dieser Beitrag nun wirklich zu weit geht, dass solch ein rassistischer Beitrag im SonntagMorgenMagazin geschrieben werden kann, aber auf unserem Sender nun wirklich nichts zu suchen hat. Schließlich haben wir Satzung und Redaktionsstatut! Schön wäre das. Dann hätten wir eine konstruktive Diskussion führen können darüber, wie solche rassistische Beiträge in Zukunft vermieden werden können. Darum geht es doch eigentlich! Aber so war es leider nicht. Als der Beitrag diskutiert werden sollte, hatten die meisten den Beitrag gar nicht gehört. Und sich auch nicht die Mühe gemacht, die Transkription des gesendeten Beitrags einmal durchzulesen. Das wurde auf der Sitzung schnell kurz nachgeholt Stichwort: diagonal lesen um dann die Feststellung zu äußern, dass der Beitrag nicht rassistisch sei. Eine vergleichsweise einfache Übung. Der Beitrag konnte gar nicht rassistisch sein, weil er nicht rassistisch sein durfte. Woher eigentlich? Nun gut, wir werden hier ein wenig polemisch. Ein wenig sehr, sogar. Aber es wirkt doch wirklich nicht besonders glaubwürdig, wenn Leute über einen Beitrag urteilen, den sie weder gehört noch gelesen haben. Bewirken sie damit nicht vielleicht sogar das Gegenteil dessen, was sie beabsichtigt haben? Wenn der Beitrag nicht rassistisch ist, dann lässt sich das doch aus dem Text heraus nachweisen. Dann kann mensch ganz leicht sagen: »Kollege programmverantwortliches Vorstandsmitglied: ich glaube, du hörst hier die Flöhe husten! Hier steht nichts drin, was in irgendeiner Form zu beanstanden wäre.« Mal ganz grundsätzlich: Es wurde ein gesendeter Beitrag als »rassistisch« beanstandet. Das heißt nicht zwangsläufig, dass damit auch der Verfasser als »Rassist« bezeichnet wird. Wer sich schon einmal intensiver mit dem Phänomen des Rassismus beschäftigt hat, der oder die weiß, dass es einen ganz alltäglichen Rassismus gibt; einen Rassismus, der beinahe »von selbst« kommt, ohne dass wir groß drüber nachdenken das heißt: eigentlich genau dann, wenn wir nicht groß drüber nachdenken. Vielleicht war genau so etwas passiert bei dem beanstandeten Beitrag. Es gab auch einen Hinweis auf der Sitzung, dass es tatsächlich so eine Art »Rassismus aus Versehen« gewesen sein könnte. Aber da haben wir es doch schon! Diese vermeintliche Toleranz den Andersdenkenden, Andersgläubigen gegenüber ist keine Freiheit, sondern die Billigung von Gewalt gegenüber dem Mädchen. Das ist manchmal gar nicht so einfach. Wir sind ja alle so multikulti und ach-so-tolerant. Vielleicht ist es wirklich nur gut gemeint, wenn er einer muslimischen Lehrerin dieses aufrechte Verhalten nicht zutraut die vielleicht dazuhin auch noch selber Kopftuch trägt. Unmöglich ist das alles deswegen aber nicht. Und davon auszugehen, dass die muslimische Lehrerin die geforderte Zivilcourage nicht bringt, nur weil sie dem Islam angehört das ist in der Tat rassistisch. Wir können die Situation auch umdrehen. Stellen wir uns doch einmal eine muslimische Lehrerin vor, die selber Kopftuch trägt, und die damit konfrontiert ist, dass muslimische Jungs ein Mädchen in der Klasse zwingen wollen, Kopftuch zu tragen. Aber diese kleinen inhaltlichen Diskussionsansätze wurden ganz schnell wieder beiseite gewischt. Die formulierte Kritik wurde anscheinend gar nicht in ihrer Sache als Kritik wahrgenommen, sondern eher als ein Angriff, gerichtet gegen den kritisierten Kollegen. Es ging aber um sachliche Kritik, darum, wie solche rassistischen Beiträge bei Radio Darmstadt vermieden werden können. Das Vorstandsmitglied, das den Beitrag beanstandet hat, hat explizit formuliert, dass es nicht darum gehen sollte, den Kollegen zu bestrafen. Deutlich hob sich dabei die Aussage einer Kollegin ab, die Sendungen in einer nichtdeutschen Muttersprache gestaltet. Sie äußerte sich so, dass sie den Kollegen ja kenne und wisse, dass er den Beitrag nicht rassistisch gemeint haben könnte. Weiß sie wirklich, was der Kollege denkt und meint? Und, wenn ja, schreibt das seinen Beitrag um? Hat er durch seine »richtige Gesinnung« auf einmal und im Nachhinein andere Worte anders zusammengesetzt, andere Beispiele gewählt, die nicht entwürdigend sind? Fast schon lustig wurde es, als der Verfasser des rassistischen Beitrags formulierte, dass er ja schließlich schon genügend bestraft sei damit, dass er hier seine Zeit mit Diskussionen verplempern müsse. Es kam so, wie es fast schon kommen musste: Das zuständige Gremium hat keine Strafe beschlossen die war ja auch nicht beantragt sondern es wurde beschlossen, dass der beanstandete Beitrag nicht rassistisch war. Schade, dass der Kollege so wenig bereit war, seinen eigenen Beitrag zu hinterfragen. Eigentlich hätte er sich doch nichts vergeben, wenn er in seiner nächsten Sendung formuliert hätte, dass er einen Beitrag gesendet hat, der als rassistisch empfunden werden konnte. Und dass er das selbstverständlich so nicht gemeint hat und dass es ihm leid tut, wenn er da so falsch verstanden worden ist
Ebenso schade, dass im Verein die Chance vertan wurde, sich auseinanderzusetzen mit unserem eigenen, ganz alltäglichen Rassismus. Und außerdem schade, dass wir uns nicht noch einmal genauer befasst haben mit dem Gedanken eines gesellschaftlichen Grundkonsenses, den alle mittragen sollen, die in der Gesellschaft leben. Von einer Minderheit dürften wir uns einen gesellschaftlichen Konsens jedenfalls nicht diktieren lassen. Lässt sich die Frage wirklich an Mehrheitsverhältnissen festmachen? Oder geht es nicht eher darum, wie wir alle in der Gesellschaft miteinander umgehen? Wenn wir es ganz genau nehmen das funktioniert natürlich in großen und offenen Gruppen nur bedingt dann müssen wir unsere Normen und Regeln mit jedem neuen Mitglied unserer Gruppe aufs Neue diskutieren, nur so kann sich ein Konsens ergeben, der wirklich Konsens ist: Das heißt, der von allen getragen wird. Jingle »Alltag und Geschichte« Sie hörten »Hinter den Spiegeln« eine Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt von Niko Martin und Katharina Mann.
Eingestellt am 22. März 2005. [ Spiegelkabinett ] [ Liste der Sendemanuskripte ] [ Seitenanfang ] |
![]() |