MutterspracheEin Essay von Sonya Raissi aus dem AuGe-Magazin vom 29. Dezember 2004 Sprache ist überall und begleitet uns von frühester Kindheit bis zum Ende des Lebens. Viele Kinder wachsen mit zwei Sprachen auf und profitieren schon sehr früh davon. Sprache ist viel mehr als nur Kommunikation. Es ist doch beeindruckend, wie Kleinkinder sich in zwei verschieden Sprachen verständlich machen können. Was für mich als Kind oder Jugendliche selbstverständlich war und ich dem keine weitere Beachtung geschenkt habe, sehe ich nun mit ganz anderen Augen. Denn: Was ist nun meine Muttersprache? Ich möchte an dieser Stelle Ronjat, einen Linguisten und Pädagogen, aus dem Jahre 1913 zitieren: Ich möchte Ihnen zeigen, wie schnell eine fremde Sprache zur Muttersprache werden kann. In den 70er Jahren, der Ära Schmidt, emigrierte mein Vater nach Deutschland. Wenn wir meine Mutter danach fragten, was Papa ihr alles so versprochen hatte, dann fiel ihr sogleich die Zwei-Zimmer-Wohnung ein. Was sie wirklich vorfand, war eine triste Zwei-Zimmer-Wohnung. Das Schlafzimmer war riesig und kalt und das Wohnzimmer hatte eine Kochnische. An einem Samstag reiste sie in Bella Germania ein und am Sonntag war sie schon auf sich alleine gestellt, denn ihr frisch angetrauter Ehemann spielte Fußball mit seinen Freunden. Sonntags, so müssen Sie wissen, ist in den südlichen Ländern am meisten los. Doch dieser Sonntag sah für sie ganz anders aus: Sie versuchte, die triste Wohnung ein wenig gemütlicher einzurichten, und öffnete alle paar Minuten das Fenster zur Hauptstraße, weil sie dachte, die Nachbarsjungen aus Tunesien beim Fußballspielen zu hören. | ![]()
Manuskript
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Sie fragen WIE? Und der Pförtner des Krankenhauses sagte ihr einen Satz, den sie bis heute nicht vergessen hat. Motiviert schaute sie Fernsehen, hörte Radio, unterhielt sich mit einer älteren Nachbarsdame namens Schmidt und versuchte, wo sie nur konnte, gierig mehr zu erlernen. 28 Jahre und vier Kinder später spricht sie Siegerländer Platt und akzentfreies Deutsch. Doch auf die Frage, was nun meine Muttersprache sei, komme ich ins zögern. Auch hier möchte ich noch einmal auf Ronjat zugreifen: Erstaunlich finde ich nur, dass auch meine Mutter, die in ihrer Kindheit nur die arabische Sprache vermittelt bekommen hat, auch manchmal Deutsch träumt, denkt und flucht. Zum Schluss möchte ich noch auf die Sprachkenntnisse meines Vaters eingehen. In diesem Sinne Merci, Schukran, Gracia, Iaischik, Thank you und Dankeschön für die Aufmerksamkeit. |