Muttersprache

Ein Essay von Sonya Raissi aus dem AuGe-Magazin vom 29. Dezember 2004
 

Sprache ist überall und begleitet uns von frühester Kindheit bis zum Ende des Lebens. Viele Kinder wachsen mit zwei Sprachen auf und profitieren schon sehr früh davon.
In der Schule werden mit gleich sprechenden Freunden Geheimnisse ausgetauscht und auch schon mal ein wenig über den Lehrer getratscht.
Was für viele selbstverständlich ist, sehen andere wiederum als erstaunlich und beneidenswert.

Sprache ist viel mehr als nur Kommunikation.
Sprache weist auf die Zugehörigkeit eines Landes.
Durch verschiedene Sprachen, sind viele Länder oder Menschen verfeindet.
Je mehr Sprachen wir sprechen umso größer ist unser Ansehen.
Spricht man bestimmte Sprachen in bestimmten Ländern, wird man entweder verachtet oder herzlichst begrüßt.

Es ist doch beeindruckend, wie Kleinkinder sich in zwei verschieden Sprachen verständlich machen können.

Was für mich als Kind oder Jugendliche selbstverständlich war und ich dem keine weitere Beachtung geschenkt habe, sehe ich nun mit ganz anderen Augen.

Denn: Was ist nun meine Muttersprache?

Ich möchte an dieser Stelle Ronjat, einen Linguisten und Pädagogen, aus dem Jahre 1913 zitieren:
»In der Regel ist die Muttersprache jene Sprache, die das Kind mit der Mutter spricht. Wenn die Mutter, was in der Regel auch so sein wird, die erste Bezugsperson während des Spracherwerbs für ein Kind ist, ist die Muttersprache zugleich auch die Erstsprache eines Kindes.«

Ich möchte Ihnen zeigen, wie schnell eine fremde Sprache zur Muttersprache werden kann.
Dabei möchte ich Sie in die Vergangenheit meiner Mutter entführen.
Denn sie hat mir und meinen Geschwister beide Sprachen näher gebracht. Obwohl sie in ein Land emigrierte, dessen Menschen und Sprache sie nicht kannte.

In den 70er Jahren, der Ära Schmidt, emigrierte mein Vater nach Deutschland.
Fünf Jahre dauerte es, bevor meine Mutter ihm mit großen Erwartungen nach Deutschland folgte.
Einmal in der Woche rief mein Vater das Postamt in Tunesien an und konnte dort seiner Verlobten von Deutschland erzählen.

Wenn wir meine Mutter danach fragten, was Papa ihr alles so versprochen hatte, dann fiel ihr sogleich die Zwei-Zimmer-Wohnung ein.
Er erzählte ihr, dass die Wohnung an der Hauptstraße sei, und was wir in Tunesien unter einer Wohnung an der Hauptstraße verstehen,
das ist eine französische Rue, mit Café au lait in der Nase und frischem Baguette. Die Straße ist belebt mit Kindern, die Fußball spielen, und abends, wenn die Straßenbeleuchtung an geht und man den Tour d’Eiffel sieht, spielt ein Franzose mit seinem Akkordeon Chansons von Edith Piaf.

Was sie wirklich vorfand, war eine triste Zwei-Zimmer-Wohnung. Das Schlafzimmer war riesig und kalt und das Wohnzimmer hatte eine Kochnische.
Fragten wir nach dem Bad, bekam meine Mutter eine Gänsehaut, und erklärte, dass jeder Gang zur Toilette mit dem Risiko, eine Blasenentzündung zu bekommen, verbunden war.

An einem Samstag reiste sie in Bella Germania ein und am Sonntag war sie schon auf sich alleine gestellt, denn ihr frisch angetrauter Ehemann spielte Fußball mit seinen Freunden. Sonntags, so müssen Sie wissen, ist in den südlichen Ländern am meisten los.
Der Markt hat schon in den frühen Morgenstunden auf, man riecht die Kräuter und Gewürze, hört die einzelnen Händler schreien und sieht, wie die Kunden bis zum letzten Dinar feilschen.

Doch dieser Sonntag sah für sie ganz anders aus: Sie versuchte, die triste Wohnung ein wenig gemütlicher einzurichten, und öffnete alle paar Minuten das Fenster zur Hauptstraße, weil sie dachte, die Nachbarsjungen aus Tunesien beim Fußballspielen zu hören.

Ausschnitt aus dem Titelbild

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Wir schreiben das Jahr 1976.
Mama wird eine Woche vor dem errechneten Geburtstermin ins Krankenhaus eingeliefert.
Sie ist 20 und der deutschen Sprache nicht mächtig, doch schüchtern in ihrem Zimmer zu sitzen und nichts als auf die Wehen zu warten, war nicht in ihrem Sinne. Sie unterhielt sich mit den Ärzten, Krankenschwestern und auch dem Pförtner.

Sie fragen WIE?
Na, wozu gab der liebe Gott ihr Hände und Füße?

Und der Pförtner des Krankenhauses sagte ihr einen Satz, den sie bis heute nicht vergessen hat.
»Haben Sie ein klein wenig Geduld und sie werden Deutsch besser als Ihr Mann sprechen.«

Motiviert schaute sie Fernsehen, hörte Radio, unterhielt sich mit einer älteren Nachbarsdame namens Schmidt und versuchte, wo sie nur konnte, gierig mehr zu erlernen.

28 Jahre und vier Kinder später spricht sie Siegerländer Platt und akzentfreies Deutsch.
Wir wurden mit beiden Sprachen konfrontiert. Und in einem Satz kommen auch mal beide Sprachen vor.

Doch auf die Frage, was nun meine Muttersprache sei, komme ich ins zögern.

Auch hier möchte ich noch einmal auf Ronjat zugreifen:
»Bei Monolingualen ist Muttersprache jene Sprache, in der sie denken, träumen, beten, fluchen, spielen, zählen und rechnen. Schwerer fällt die Definition bei Mehrsprachigen, die in verschiedenen Sprachen denken, träumen, beten, fluchen, spielen, zählen und rechnen. Demnach haben die Zweisprachigen mehrere Muttersprachen, in denen sie ihre Gedanken und Gefühle ausdrücken und in denen sie kreativ sind.«
Nun, ich träume und denke Deutsch-Tunesisch und auch bei meinen Geschwistern trifft dies zu.

Erstaunlich finde ich nur, dass auch meine Mutter, die in ihrer Kindheit nur die arabische Sprache vermittelt bekommen hat, auch manchmal Deutsch träumt, denkt und flucht.

Zum Schluss möchte ich noch auf die Sprachkenntnisse meines Vaters eingehen.
Kurz gesagt: Da hat sich seit 1970 nicht viel getan.   : )

In diesem Sinne Merci, Schukran, Gracia, Iaischik, Thank you und Dankeschön für die Aufmerksamkeit.

 

Eingestellt am 23. Januar 2005.
 

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Ausschnitt aus dem Titelbild