Sprichwörter und Redensarten – und was sie bedeuten

Aus dem AuGe-Magazin vom 29. Oktober 2003
 

Inhaltsübersicht

 

»Morgenstund hat Gold im Mund« und »wer Wind sät, wird Sturm ernten«. Fässer gibt es unterschiedliche: solche, die überlaufen, und andere, denen es gleich den Boden ausschlägt.
Was ist eigentlich »hanebüchener Unsinn«? – Und der gesunde Menschenverstand, so haben wir einmal gehört, sei »Weisheit in Arbeitskleidung«. (Wobei wir uns schon fragen, was »gesunder Menschenverstand« eigentlich sein soll?)

Musik: FSK / bei Alfred – Liebe tut weh

»Morgenstund hat Gold im Mund«, so heißt es. Aber was heißt es – was bedeutet es?

Es ist ein Bild. – Und es malt ein Bild: vor unserem inneren Auge. Das goldene Licht der aufgehende Sonne sehen wir da, Morgenrot, Morgenröte gar … – was etwas anderes ist: Morgenrot lässt sich noch ganz banal physikalisch erklären. – Am Himmel Dunst oder sogar Wolken. Die blauen und grünen Anteile im Licht werden stärker gestreut als die roten. Und das kommt morgens und abends am stärksten zum Tragen, weil das Sonnenlicht die Atmosphäre schräg durchdringt und damit die zurückgelegte Wegstrecke länger wird.

Morgenröte im Gegensatz dazu ist der Dichtersprache entnommen. Und wenn ein Dichter, manchmal auch eine Dichterin, vom Morgenrot spricht, dann ist nie allein die Rotfärbung des Himmels gemeint. Dann geht es um einen anbrechenden neuen Tag, um – pars pro toto, ein Teil für das Ganze – neue Zeiten, ein neues Zeitalter gar, das herankommt, mit neuen Sitten und Gebräuchen. »Morgenluft wittern« gibt es da als einen Ausdruck dafür, eine Chance zu sehen, dass sich die eigene Sache zum Besseren wendet.

Zurück zur sprichwörtlichen Morgenstunde mit dem Gold im Mund: Es ist also zuerst einmal ein positives inneres Bild, das bei uns entsteht: Warmes Licht und eine optimistische Stimmung.

Das Gold deutet auf Reichtum hin: Wer früh auf ist, der oder die kriegt auch was geschafft und kann es damit zu einigem Reichtum bringen. Sei es materieller Reichtum, tatsächlich die Goldbarren im Keller. Oder eben auch ein Reichtum an ideellen Werten. Irgendwo stimmt das ja auch ein bisschen. Man kriegt tatsächlich was geschafft in der Früh. Und es kann auch Freude bereiten, etwas zu schaffen – mit Kopf oder Händen – solange der Tag noch jung ist und man selber noch frisch und wach.
Aber genauso stimmt es auch, dass Menschen sich auch für einen anderen Tagesrhythmus entscheiden können und damit auch ganz glücklich und zufrieden leben können.

Vor allem ist der Spruch doch ein Appell an das protestantische Arbeitsethos. – Und da stellt sich dann doch wirklich die Frage, wem es eigentlich nützt?

Es ist aber auch noch ein anderes Bild. Wenn die morgendliche Stunde Gold im Mund hat, dann muss sie einen Mund haben – also muss die Morgenstunde menschliche Gestalt haben. Eine Allegorie.

Wie können wir uns die Figur genauer vorstellen? Eine Frauenfigur, ja, schließlich ist die Morgenstunde grammatikalisch weiblich. Wahrscheinlich so eine mit langen Haaren und luftig-beschwingtem Flattergewand.

Und was tut sie, außer Gold im Mund haben? Genaugenommen können wir uns schon die Gestalt nicht richtig vorstellen. Erst recht nicht, was eigentlich ihr Handeln auszeichnen könnte.

Und wieso eigentlich ausgerechnet im Mund???

Was um Himmels Willen tut die morgendliche Stunde mit dem Stückchen Edelmetall im Mund? – Essen? – Wohl kaum. – Küssen? – Auch wohl eher nicht …
Es aussprechen? – Passt irgendwie auch nicht so richtig. Wahrscheinlich hat die frühe Stunde das Gold nur deswegen im Mund, weil ausgerechnet der sich eben auf »Stund’« reimt.

Immerhin, letzteres, das mit dem Aussprechen, das bringt uns noch auf eine andere interessante Fährte.
Wer spricht denn morgens? – Das Radio. – Und wer spricht da im Radio?

Habt ihr mal morgens Deutschlandfunk gehört? Da geben sich alle die die Klinke in die Hand, die in diesem Land irgendetwas zu sagen haben: Der Bundeskanzler, Gewerkschaftsbosse, die komplette Ministerriege, Industrielle und sonst noch ein paar Leute.
Für die hat die morgendliche Stunde vielleicht wirklich Gold im Mund. Wer früh auf ist, ist eher da, ist immer schon lange da, wenn die anderen erst kommen. Und die Spesen sind ja auch nicht schlecht, die Liebesgaben der Lobbyisten, – nicht zu vergessen die Bezüge und das gesicherte Ruhestandsgeld …

Musik: FSK / bei Alfred – Was kostet die Welt

»Hanebüchen« sagen wir, wenn ein Zustand unhaltbar ist. Es sträubt uns die Haare, ja sogar unsere Fußnägel rollen sich hoch.
Aber wo kommt der Begriff eigentlich her?

Der Duden weiß, dass der Begriff dabei ist zu veralten, und dass er »unverschämt« oder »unerhört« bedeutet. Wahrigs Deutsches Wörterbuch weiß ein bisschen mehr: Dass es auch »derb« und »grob« heißt und dass das Wort aus dem Mittelhochdeutschen kommt, von »hagebüechin«, das heißt, aus dem Holz der Hagebuche gefertigt. Daraus hat sich dann die Bedeutung »derb«, »grob« und »klotzig« entwickelt.

Hagebuche, auch Hainbuche, Weißbuche oder Hornbaum genannt, gilt als das härteste einheimische Holz. Dass aus Hainbuche besonders grobe und klotzige Gegenstände gefertigt wurden, konnte ich allerdings nicht finden. Eher im Gegenteil.
Ich zitiere einmal aus dem »Informationsdienst Holz« der »Centralen Marketinggesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft mbH«. Dort heißt es, dass die Hainbuche ein ausgesprochenes Spezialholz darstelle für eine Vielzahl von Gebrauchsgegenständen, die einer starken mechanischen Beanspruchung ausgesetzt sind, und von denen eine hohe Widerstandsfähigkeit verlangt werde in Bezug auf Stoß und Reibung, Härte, Zähigkeit und Spaltfestigkeit.
Hainbuche werde eingesetzt im Werkzeug-, Geräte- und Maschinenbau – und zwar überall dort, wo es auf eine feste, harte und dichte Oberfläche ankomme. Aus Hainbuche gefertigt werden Hobel oder zumindest deren Sohlen, Griffe für Stechbeitel oder Schraubzwingen. In der Textilindustrie werden Webschützen und Hülsen bis heute aus Hainbuche gefertigt und eine Klaviermechanik besteht zu 95 Prozent aus Hainbuche.

Deswegen ist »Hanebüchener Unsinn« nicht unbedingt besonders schlimmer und grober Unsinn, sondern eher besonders harter Unsinn – möglicherweise auch besonders solider Unsinn. Solide in wirklich jedem Aspekt seiner Unsinnigkeit – ganz besonders unsinniger Unsinn.
Überlebt hat aber nur der andere Bedeutungsteil, dass es eben ganz besonders hart ist. Heute würde man wohl sagen: »Ist ja voll die Härte!«

Musik: FSK / bei Alfred – Ein Kind für Helmt

Ausschnitt aus dem Titelbild

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»Der gesunde Menschenverstand ist Weisheit in Arbeitskleidern«. Ein Spruch, der Unmut schafft.
Es fängt schon an beim Begriff des »gesunden Menschenverstandes«. Alleine darüber ließe sich stundenfüllend referieren. Was soll das denn bitte sein: »Der gesunde Menschenverstand«? Gibt es auch einen ungesunden Menschenverstand oder vielleicht sogar einen kranken Menschenverstand? Überhaupt: Menschenverstand. Men – schen – ver – stand.

Was denn sonst? Tierverstand? Manche halten ja ihre Pussy oder ihren Hasso für ausgesprochen intelligent. Und über die Intelligenz von Delphinen ist schon viel diskutiert worden. Mag sein, dass auch Tieren so etwas wie »Verstand« zugestanden werden kann oder sogar zugestanden werden muss. Trotzdem gibt es den »Tierverstand« nicht als Begriff.
Oder Computerverstand? Künstliche Intelligenz gibt es. Mindestens gibt es den Begriff. – Die Frage, ob es künstliche Intelligenz gibt, ist wohl eher ein philosophisches Problem, sicherlich eine Frage der Definition – und bestimmt auch eine sehr ideologisch geführte Debatte. Darum soll es hier nicht gehen.

Es gibt den Begriff der »künstlichen Intelligenz«. Aber es gibt nicht den Begriff des »Computerverstands«.

Mindestens was unseren Sprachgebrauch angeht, scheint der Verstand den Menschen vorbehalten. ݁Menschenverstand« ist eine Dopplung. – Wie nasses Wasser.

Warum wird hier etwas benannt, was sowieso selbstverständlich ist – dass der Verstand dem Menschen zugeordnet wird?
Vielleicht hängt es zusammen mit dem Attribut »gesund«. Denn »Menschenverstand« für sich alleine ist auch ein ungebräuchlicher Begriff. Aber als »gesunder Menschenverstand« ist er uns ganz geläufig.

Was hat es auf sich mit der Gesundheit, die diesen Verstand eines Menschen auszeichnet?
Gibt es auch einen ungesunden Menschenverstand, einen kranken Menschenverstand?

Nein. Gibt es nicht. Der Verstand eines Menschen ist von sich aus »gesund« – oder so etwas Ähnliches. Irgendwie »in Ordnung«. »Kranken Verstand« kennen wir nicht. Allenfalls spricht mensch von einem »kranken Hirn« (was auch nicht gerade eine nette Bezeichnung ist).

Auf seinen sprachlichen Kern reduziert macht die Formulierung vom »gesunden Menschenverstand« wenig Sinn. Genaugenommen: Überhaupt keinen Sinn.

Trotzdem kennen wir alle den Begriff – und eigentlich wissen wir auch ziemlich genau, was damit gemeint ist.

»Gesunden Menschenverstand« haben diejenigen, die von allen anderen für »normal« gehalten werden. Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller, Hans Mustermann und Eva Musterfrau. Und vielleicht sogar der Deutsche Michel, obwohl der ja eigentlich nicht so richtig schlau ist (und deswegen vielleicht auch mit »Verstand« nicht so viel am Hut hat …)

Wer den Eingebungen seines »gesunden Menschenverstandes« folgt, der oder die kann sich in seinem oder ihrem Handeln in Übereinstimmung wissen mit der Allgemeinheit – mindestens mit der meinungsbildenden Majorität der Allgemeinheit (die übrigens nicht unbedingt zahlenmäßig die Mehrheit stellen muss).
Und wenn der Kollege oder die Nachbarin das nicht so gut findet, dann ist der oder die eben »krank im Hirn«. Mindestens hätte er oder sie es wissen müssen – mit dem »gesunden Menschenverstand«.

Vielleicht müssen wir den Begriff vom »gesunden Menschenverstand« anders verstehen, mindestens, was den sprachlichen Aspekt angeht.

Wie wäre es mit folgender Erklärung? – Der »gesunde Menschenverstand« bezeichnet die Art und Weise, wie »gesunde« Menschen Gebrauch machen von ihrem Verstand.
Anstelle von »gesund« könnten wir hier auch »normal« einsetzen. Mit all den fragwürdigen Bedeutungszusammenhängen, die im Begriff des »Normalen« oder »Gesunden« mitschwingen.

So können wir wenigstens die Entstehung des Begriffs nachvollziehen und seine Bedeutung verstehen, wenn wir seine Anwendung auch ablehnen.

Sehen wir einmal genauer hin, wer eigentlich den Begriff des »gesunden Menschenverstandes« in welchem Zusammenhang benutzt:

Entweder es berufen sich Menschen positiv darauf, die ihren »gesunden Menschenverstand« benutzen, um mit ihrer Umwelt besser zurecht zu kommen.
Oder der »gesunde Menschenverstand« wird zitiert, wenn’s mit der Kollegin oder mit dem Nachbarn nicht so klappt. Da hätte er oder sie doch nur mal seinen oder ihren »gesunden Menschenverstand« benutzen müssen! Oder: »Das weiß man doch mit dem gesunden Menschenverstand, dass es so nicht geht!«

Der »gesunde Menschenverstand« ist hilfreich. Er hat eine ordnende, geradezu eine disziplinierende Wirkung. Es geht darum, die ewige Regel zu akzeptieren des »Das-ist-immer-schon-so-gewesen«.

Wir denken nicht, dass Dinge oder Zustände gut sind, nur weil das immer schon so war. Dass gar gesellschaftliche Zustände gut sein könnten, nur weil das »immer« schon so war. (Und hier fragt sich wirklich, was in diesem Zusammenhang die adverbiale Bestimmung »immer« bedeuten mag!)

Deswegen lehnen wir es ab, sich auf einen nebulösen »gesunden Menschenverstand« zu berufen. Lieber möchten wir unsere Mitmenschen auffordern, ihren Verstand zu benutzen, herauszufinden, worum es wirklich geht. Und sich zu überlegen, wie sie denn ihre jeweils persönliche Rolle und Verantwortung in der Gemeinschaft leben wollen.

Aber es geht ja noch weiter mit dem Spruch über den »gesunden Menschenverstand«. »Weisheit« sei der – »in Arbeitskleidung«.
Wir verstehen nicht, warum die Weisheit jetzt Arbeitskleidung tragen soll? Schon wieder eine Allegorie?

Muss die Weisheit rödeln, wenn’s mit der Nachbarin klappen soll? Und was trägt die Weisheit, wenn sie keine Arbeitskleidung trägt? – Abendgarderobe?

Was soll das überhaupt sein, »Weisheit«? Wie würden wir den Begriff füllen?
Als eine besondere Sorte Klugheit, die gepaart ist mit Lebenserfahrung. Oder mit Gerechtigkeitsempfinden und einer liebevollen Zuneigung zu den Mitmenschen.
Ein bisschen was von diesen Charaktereigenschaften gehört zur Weisheit wohl immer dazu …

Und »Arbeitskleidung«?
Das ist der Blaumann, die grüne Schürze des Glasers, die signal-orangefarbenen Westen der Müllmänner und Gleisbauarbeiter oder die Schuhe mit den Stahlkappen.
Aber Arbeitskleidung ist auch die weiße Kluft der Sanitäterinnen und der Krankenpfleger. An die denken wir merkwürdigerweise erst später.
Arbeitskleidung ist sogar das Kostüm der Sekretärin und die Krawatte des Bankers.

Es klingt ein bisschen, als ob »Weisheit« auf der einen Seite – auf der anderen Seite »Arbeitskleidung« – ein Widerspruch wären. Als ob das normalerweise nicht so zusammenkommen würde.

Aber der »gesunde Menschenverstand« – der schafft die Synthese und bringt die beiden zusammen. Täterätää! – Bitte einen Tusch!

Der ganze Spruch ist einfach nur von vorne bis hinten verkorkst. Da wird ein Widerspruch konstruiert, den es sonst gar nicht gibt, ein Widerspruch zwischen Weisheit und weisem Handeln auf der einen Seite – und auf der anderen Seite der Sphäre der Arbeit …
Und dann wird das alles noch verquirlt mit dem mehr oder weniger fragwürdigen Begriff des »gesunden Menschenverstandes«.

Wer auch immer diesen Satz verbrochen hat: Hätte er oder sie mal ihren Verstand benutzt, dann wäre die Person vielleicht darauf gekommen, dass sich oftmals erstaunliche Weisheit darin findet, alltägliche Lebenssituationen zu meistern.

Aber es musste ja wohl der Begriff des »gesunden Menschenverstandes« mit hinein …
Und wir begreifen: Wenn Mütterchen Weisheit sich in Arbeitsklamotten schmeißt und so richtig abrödelt, dann ist das gut so. »Arbeit adelt« schließlich – selbst die Weisheit, die das eigentlich gar nicht nötig hat. Die Nazis behaupteten sogar, Arbeit mache frei. Das haben sie im KZ Buchenwald ans Tor geschrieben. Aber wahrscheinlich ist das so etwas Ähnliches wie dieser imaginäre »Adel«
– und außerdem ist es schon immer so gewesen!

Musik: FSK / bei Alfred – Pennsylfawnisch Schnitzelbank

 

Eingestellt am 31. Oktober 2003.
 

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Ausschnitt aus dem Titelbild