Vortrag von Peter Bierl am 26. Februar 2003

Am 26. Februar 2003 hielt der Journalist Peter Bierl bei Radio Darmstadt einen Vortrag.
Der Vortrag fand statt im Rahmen der Sendung »Esoterik zwischen Magie und Aberglauben«, pünktlich um 19.00 Uhr im Großen Sendesaal von Radio Darmstadt. Wer nicht selber kommen konnte, hatte Gelegenheit, die Übertragung im Radio zu hören.

 

Zum Vortrag:

Eine neue soziale oder außerparlamentarische, gar linke Bewegung gibt es in der Bundesrepublik nicht. Was in den Medien als solche vorgeführt wird ist attac. Die Abkürzung klingt vielversprechend. Der vollständige Name »Association pour une Taxation des Transactions finanzières pour l’Aide aux Citoyens«, was in etwa »Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der BürgerInnen« heißt, versprüht wenig Charme und verweist auf ein beschränktes Vorhaben: Man verlangt eine Steuer auf Währungsgeschäfte, um die herrschende Ordnung zu stabilisieren, statt diese zu bekämpfen.

Attac-Deutschland wird gesteuert von Funktionären aus allerlei Organisationen, die SPD und Grünen nahestehen, also Parteien, die seit 1998 jene »neoliberale« Politik exekutieren, die von attac so bejammert wird. Attac ist undemokratisch organisiert, wie der Streit um das neue Programmpapier »Globalisierung gerecht gestalten« zeigt, das der attac-Koordinierungskreis beschlossen hat, ohne die Basis zu fragen. Attac pflegt die nostalgische Erinnerung an den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat und die ebenso vergebliche wie antiemanzipatorische Hoffnung, eine soziale und starke EU möge dem bösen US-Kapitalismus Paroli bieten.

Attac beschränkt sich darauf, eine »ungerechte« Globalisierung anzuprangern. Schuld seien »internationale Finanzmärkte, Banker und Finanzmanager«. Diese enge auf die Geldzirkulation beschränkte Perspektive bietet den Anknüpfungspunkt für die AnhängerInnen des Silvio Gesell (1862 – 1930), einem kleinen Kaufmann, der behauptete, der Zins sei die Wurzel allen Übels. Die Gesell-Gruppe »Christen für eine gerechte Wirtschaftsordnung« (CGW) ist eine der bundesweiten Mitgliedsorganisationen von attac.

Mit Parolen wie »Gegen die Zinsknechtschaft der Dritten Welt« versuchen die Gesell-Fans seit Jahrzehnten in umwelt- und friedensbewegten, alternativen und linken Kreisen neue AnhängerInnen zu rekrutieren. Auf Gesell geht jene falsche Gegenüberstellung zurück, die die Nazis mit dem Schlagwort »schaffendes« versus »raffendes Kapital« auf den Punkt brachten, wobei letzteres mit den Juden identifiziert wurde.

Die Gesell-Fans wollen Zinsen abschaffen bzw. »gehortetes« Geld regelmäßig abwerten, um eine »reine Marktwirtschaft« aufzubauen. Sie leugnen, dass Menschen durch Lohnarbeit ausgebeutet werden. In Deutschland und einigen anderen Staaten organisieren GesellianerInnen so genannte Tauschringe, die auf der »Schwundgeldtheorie« ihres Meisters basieren. Dessen Utopie war ein ungezügelter Kapitalismus, den er sozialdarwinistisch und eugenisch als »Kampf ums Dasein« verstand. Die wirtschaftlich erfolgreichsten Männer sollten sich bevorzugt vermehren um die »Höherzüchtung« der Menschheit zu garantieren.

Der Journalist Peter Bierl beschäftigt sich in seinem Vortrag mit der Lehre Silvio Gesells und den Tauschringen sowie mit dem Ansatz von attac, der solchen obskuren Gruppen und antisemitischen Stereotypen Vorschub leistet.

 

Mittwoch, 26. Februar 2003,
19.00 bis 21.00 Uhr,
im Großen Sendesaal von Radio Darmstadt,
Steubenplatz 12, 64293 Darmstadt.

 

Wenn Sie Fragen zur Veranstaltung haben, schicken Sie eine E-Mail an: esoterik@alltagundgeschichte.de

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Aktualisiert am 27. August 2003

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